Fische werden depressiv. Man hat Tests mit Zebrafischen gemacht. Man zog an einer Seite des Aquariums mit einem Marker eine horizontale Linie, bis zur Hälfte dieser Seite. Depressive Fische blieben unterhalb dieser Linie. Wurde den selben Fischen aber ein stimmungsaufhellendes Antidepressivum verabreicht, schwammen sie über der Linie, in den oberen Teil des Aquariums und flitzten herum wie neugeboren.
Fische werden depressiv, wenn ihnen die Stimulation durch äussere Reize fehlt. Wenn ihnen alles fehlt. Wenn sie einfach nur hin und her schwimmen, in einem Aquarium, das nach nichts aussieht.
In den Wochen, bevor ich aufgebrochen bin, war ich auch in so einem Aquarium. Ich habe mir meine Mitmenschen genau angeschaut und vor allem eins erkannt: Dass sie zu Tode gelangweilt sind von Alltag, Einerlei, Ritualen, Gewohnheiten, Einheitsbrei. Nicht wenige gehen dann auf die anderen Fische in ihrem gemeinsamen Aquarium los, auch das habe ich gesehen. Ich war erschrocken, wie sehr Menschen festgefahren sind in dem „was man halt so macht“ und „was halt eben immer schon so ist“.
Gestern Abend sprach ich mit einer schönen und charismatischen Lady, die mir von ihrem Mann und dessen Kumpels und auch von den Arbeitskollegen erzählte. Alle ausgesprochen starke Bundesliga Fussballfans. Sie treffen sich zum Fussballschauen, spannen eine Leinwand auf, ein Beamer wird programmiert, sie grillen, sie trinken Unmengen an Bier, schlagen sich johlend auf die Knie, fallen sich in die Arme bei einem Tor und schreien wütend wenn es mal nicht so läuft. Ist das Spiel gut ausgegangen, dann jubeln sie am nächsten Tag. Ging es schief, dann herrschte am nächsten Tag den ganzen Tag miese Stimmung – eben – auch so ein Aquarium.
Und auch ich war ja jahrelang in einer Bubble aus Leistung, Lifestyle, Pflichten, Stress und Terminen. Seit ich ausgestiegen bin sehe ich verwundert auf diesen Lebensraum, den ich doch scheinbar auch ein bisschen genossen hatte? Oder war da in diesem Aquarium einfach ein fantastischer Dschungel mit exotischen Pflanzen und spannende Höhlen, in denen sich Perlen aus den Muscheln gruben?
Das weiss ich noch nicht. Aber jetzt sehe ich morgens und abends einen grossen Ozean. Und auch: Freiheit für den Kopf, die Gefühle. Für neue Denkrichtungen. Für neue Ideen. Für neue Möglichkeiten. Mein Blick geht jetzt in die Ferne und der einzige „Strich“ an der Wand des Aquariums ist der Horizont. Der Blick hat sich geweitet. Ich denke nach, ob wir nicht alle, von Zeit zu Zeit, einmal aussteigen müssen aus dem Gewohnten, um neu zu entscheiden.
Vielleicht ist das das Wichtigste: Neue Entscheidungen treffen. Sich wagen sie zu treffen.
Sich nicht hypnotisieren lassen von dem Hin und Her im Bekannten. Nicht immer tun was wir immer tun – oder im schlimmsten Fall: Tun, was wir meinen, was von uns erwartet wird.
Das heisst nicht, dass ich meine jeder müsse in die Autonomie aufbrechen. Ich habe meinen Beruf geliebt und die Perlen gerne aufgelesen. Aber ich habe auch gewusst, dass das Leben kurz ist und wir auch immer wieder uns selbst sein müssen.
Was tut mir gut?
Was will ich wirklich, wirklich?
Dazu bleibt oft keine Zeit. Und dann noch: Die Stimulation der äusseren Einflüsse. Wir wissen alle, das wir das brauchen. Wir wissen schon, was uns sehnsüchtig zieht. Und wir kennen unseren Hunger. Bleiben wir aber Fische im Aquarium, dann schwimmen wir unterhalb der gemalten Linie, immer im selben Rhythmus, immer in den selben Bahnen.
Kürzlich sprach ich mit einem lieben Freund, der die Sonne, das Licht und seinen Garten vermisst. Und mit seiner Frau, die die Weite, den Ozean, das Nichtstun vermisst. Zusammen aber bleiben sie – aus Depression oder aus Gewohnheit – im Aquarium. Dabei müssten sie nur raus springen aus dem Bekannten und die Welt wäre neu. Die Liebe und Freude aneinander wäre direkt unter der Oberfläche. So wie beim Fliegen: Unten kann die Welt grau-grau und düster sein aber über der Wolkendecke scheint die Sonne. Also: Abtauchen unter die Oberfläche? Oder in die Höhe fallen? Auf jeden Fall: Aus der engen Welt aussteigen.
Bliebe noch zu erwähnen, dass ich glücklich bin, dass meine Schwester aus ihrem Puppenhäuschen mit Enge und niedrigen Wänden, mit einer Million Dinge und endlosen Pflichten aussteigt – in ein neues Bundesland geht mit fremder Sprache, fremden Menschen, höheren Decken und Platz, um die Arme auszubreiten.
So wie ich jetzt gleich: Ich werde mich in den Ozean legen und die Arme öffnen und den Himmel bestaunen, den ich mich getraut habe zu erleben. Was für ein waghalsiger Sprung das war. Höchste Zeit.
Heute dieser nachdenkliche Blog. Tut es was mit Dir?
La vie est belle – Das Leben ist schön!
