Lebe wild und gefährlich

„Everyone should be ordered to travel from time to time“, he said, „getting fired up“. „Or even more: no one should be allowed to stop in one place any longer than necessary“.

Jedem sollte befohlen werden, von Zeit zu Zeit zu reisen“, sagte er, ‚sich aufzuregen‘. „Oder noch mehr: Niemand sollte länger als nötig an einem Ort verweilen dürfen“.

In Vorbereitung meiner Reisen in ferne Länder, in denen ich noch nie war, kam ich kürzlich an einen gefährlichen Ort: Den Ort der Komfortzone. Ich wollte meine Visa und die Auslands-Krankenkasse-Bescheinigungen ausdrucken, wie immer auf den allerletzten Moment. Erst musste ich feststellen dass mein Drucker ohne vorhandenes WLan gar nicht drucken will. Wie gut, dass ich einen USB/USBC Stecker gekauft hatte, den mir irgendein Verkäufer einmal angedreht hatte und der unbenutzt in meiner Schublade lag. Schliesslich lief der Drucker – aber die Tinte war zur Neige gegangen! Und weissen Papier war auch keins mehr da. Es war zwei Stunden vor Ladenschluss, ich war im hintersten Winkel eines Tals, die nächste Stadt weit entfernt.

Ich googelte und entschied mich, noch loszufahren. Aber: Ich kenne mich ja nicht aus! Ich war ja noch nie an diesem Ort! Ich habe ja keine Ahnung wie hier alles geht! Hilfe! Was soll ich nur tun? Für einen Moment dachte ich: Ach, ich schicke es jemandem, den ich treffe und lasse es mir dann ausgedruckt übergeben. Ich muss ja nicht weg in eine fremde Stadt. Ich kenne mich ja nicht aus! Das kann ja nicht klappen! Ich bleibe lieber hier gemütlich sitzen und versuche mir anders zu helfen.

Ich hatte Angst!

Und dann schmunzelte ich: Ich würde die nächsten Wochen ausschliesslich in Länder und Kulturen reisen, in denen ich noch nie war. Es würde anspruchsvoll und herausfordernd werden und ich hatte Angst vor einer deutschen fremden Stadt?

Mit gefühlten tausenden anderen Menschen fuhr ich mitten in die belebte Innenstadt einer Stadt, in der ich noch nie war. Rein in ein fremdes enges Parkhaus. Raus mit dem Kartensystem auf meinem Handy in die Innenstadt, die vor Schnäppchenjägern (Winterschlussverkauf, huuuu) nur so wimmelte. Ich wurde recht schnell fündig, wieder zurück durch fremde Strassenschluchten zum Auto, fremde Währung schluckt mein Parkgeld, Google bringt mich zurück ins Tal.

Also die Tinte eingebaut, den Papierstau beseitigt und los ging die Reise durch den Dschungel der Bürokratie. Irgendwann hatte ich einen kleinen Stapel von Bescheinigungen vor mir liegen. Und dann ging es erst richtig los: Die Befürchtungen! Was würde alles passieren in diesem Jahr? Wo würde ich vielleicht stranden? Von wilden Tieren und Moskitos gebissen werden. Sicherheiten einbüssen. Zu kalt oder zu heiss haben und immer immer würde alles fremd sein. Fremde Menschen, fremde neue Gegebenheiten, fremde Orte, Anpassungen an neue Systeme, neues Geld, wilde Kulturen, kein sicherer Boden unter den Füssen. Kein Zuhause und kein Job und keine Sicherheit mehr, in die ich zurück kehren könnte. Noch immer kein Heimathafen. Keinen Plan B.

Jahrezehntelang hatte ich meinen Coachees gepredigt: Die Komfortzone ist lebensgefährlich! Bleib nicht wo Du bist, beweg dich! Weiter weiter! Hinein ins Unbekannte. Rein in die grosse Unsicherheit! Wachse! Sei wachsam und erweitere Deinen Horizont!

Jetzt sass ich selbst an diesem Ort. Bequem. Eingemummelt in eine gewisse Geborgenheit des scheinbar Bekannten. Scheinbar sicher. Alles unter Kontrolle. Alles noch in einer Ordnung, die ich verstehe. Auch wenn ich mir gerade wie einer Kamikaze Aktion den Ast, den ganzen Baum abgesägt hatte, auf dem ich sass. Noch war ich sicher. Noch konnte ich das Abenteuer verweigern. Mich der drohenden Gefahr nicht aussetzen. Wieder ein Nest bauen, mich abstützen auf Bekanntes.

Verführerisch, da zu bleiben, wo man alles kennt. Meine Gedanken tanzten Kapriolen.

Und dann beruhigte ich mich wieder, schmunzelte über meine eigene Kleingeistigkeit. Die LUST auf dieses Abenteuer Leben brodelte wieder in meinem wilden Herz. Ich kehrte zurück in meinen Wagemut. Spürte wieder die Freiheit der radikalen Schnitte, die ich gemacht hatte.

Sortierte alle Bescheinigungen in meinen Pass. Den Pass in die Tasche. Den Koffer geschlossen, die Reise fertig geplant.

Wie gut, dass ich diese Karte bekommen hatte. Von einer wundervollen Coachee, die ich noch getroffen hatte, weil sie mir besonders am Herzen lag. Sie hatte mir diesen Text geschenkt, dass niemand da bleiben darf, wo es gemütlich zu sein scheint. Dass wir keine Bäume sind – und dass wir mit jedem Verweilen etwas von unserem Mut und unserer Lebenskraft verlieren. Also, ja ! Das Feuer brannte wieder. Ich hatte die gefährliche Klippe umschifft und werde es noch viele Male tun müssen. Denn ich reise allein und auf dem Papier bin ich alt. Und alles wird unbekannt sein.

Wie wunderbar!

A man isn’t a tree and being settled is one place in his misfortune. It saps his courage, breaks his confidence. When a man settles down somewhere, he agrees to any and all of its conditions, even the disagreeable ones, and frightend himself with the uncertainty that awaits him. Change to him seems to abondenment, like a loss of an investment: someone else will occupy his domain, and he’ll have to begin again. Digging oneself in marks the real beginning of old age, because a man is young as long as he isn’t afraid to make new beginnings. If he stays in the same place, he has to put up with things, or take action. If he moves on, he keeps his freedom, he’s ready to change places and the conditions imposed on him.

Mesa Selimovic: Death and the Dervish

Ein Mensch ist kein Baum, und sesshaft zu sein ist ein Teil seines Unglücks. Es schwächt seinen Mut, bricht sein Vertrauen. Wenn ein Mensch sich irgendwo niederlässt, stimmt er allen Bedingungen zu, auch den unangenehmen, und erschrickt vor der Ungewissheit, die ihn erwartet. Eine Veränderung kommt ihm wie ein Verlust einer Investition vor: Jemand anderes wird seinen Platz einnehmen, und er muss von vorne anfangen. Sich einzugraben ist der eigentliche Beginn des Alters, denn ein Mensch ist jung, solange er keine Angst vor Neuanfängen hat. Wenn er am selben Ort bleibt, muss er sich mit den Dingen abfinden oder etwas unternehmen. Wenn er weiterzieht, behält er seine Freiheit, er ist bereit, den Ort und die Bedingungen, die ihm auferlegt werden, zu wechseln.

Mesa Selimovic: Der Tod und der Derwisch

Also, raus aus der Komfortzone! Alle Geschichten wollen erlebt und erzählt werden. Das Leben ruft – laut, enthusiastisch und aufgeregt.

Man kann es auch einfacher formulieren: La vie est belle – Das Leben ist schön!

Hinterlasse einen Kommentar