Simon

Meine Liebe zu klassischer Musik begann 1984. Ich arbeitete damals in meinem Studium der Bibliothekswissenschaften in einem grossen deutschen Haus. Die Bibliothek hatte verschiedene Abteilungen, wir suchten uns die Wissensgebiete aus, die uns am meisten interessierten. Aber wir hatten auch viel unglaublich langweilige Archiv Arbeit zu tun. Ich ging meist früh zur Arbeit und auch an diesem Morgen sass ich schon um 7:00 in der Früh an dem grossen Katalog und sortierte in einem rudimentären System die Karteikarten nach den „preussischen Instruktionen“. Heute noch schmunzle ich über diese altmodische Methodik.

Der Spot des grossen Raums war auf den Katalog gerichtet und ich hörte den Kollegen nicht, der sich an mich heran schlich. Er erschreckte mich plötzlich mit einem sanften Singsang. Ich erkannte ihn gleich – wie die meisten eingefleischten Bibliothekare war auch er ein bisschen schrullig, vergeistigt und eigenartig. Heute würde man ihn wohl einen „Nerd“ nennen. Er war der Leiter der Musikbibliothek im Keller. Fragte mich, ob ich Lust auf ein kleines Abenteuer hätte. Natürlich war ich dazu immer bereit! Wir gingen also in den Keller und er fragte mich, welche Komponisten ich kenne. Zu meiner bildungsleeren Schande kannte ich nur Mozart, Beethoven und Tschaikowski mit Namen. Er war entsetzt und sagte, das Abenteuer müsse wohl etwas grösser ausfallen. Er begann mir die Geschichte der Musik zu erläutern und liess mich alles hören. Von Bach bis Luigi Nono – er brachte mir alles bei in den nächsten Monaten. Morgen für Morgen sassen wir im Keller und hörten Platten und er erklärte, liess mich lauschen und verstehen. Aber das – ist nur die Einleitung der heutigen Geschichte.

Im Jahr darauf ging ich für ein Auslandssemester nach Birmingham. In der dortigen Shakespeare Library verband sich Literaturgeschichte mit der klassischen Musik. Schliesslich kamen auch Philosophie und Kunstgeschichte dazu, später Architektur und Geschichte. Mein Blick wurde grösser, mein Geist schärfer und ich war bis in die letzte Zelle inspiriert, was es so alles gibt und gab und worüber man auch noch lernen, lesen und nachdenken kann.

Irgendwann dann begann es, dass wir Studenten, weil wir im Kultursektor arbeiteten, zu kostenlosen Karten kamen für Museum, Ausstellungen, Theater, Symphonieorchester.

Und dann kam mein Abend. Wir gingen in die Symphonie. Es wurde ein Komponist gespielt, von dem ich noch nie gehört hatte. Sibelius, die erste Sinfonie und die „Finlandia“, eine Hymne an sein Heimatland. Ich war gespannt, was jetzt auf uns zukommen würde.

Das Orchester hatte sich schon eingestimmt, als der Dirigent die Bühne betrat. Ein jungenhafter Typ mit wilden braunen Locken, gross und geschmeidig und mit einer umwerfenden Körperspannung. Ich war schockverliebt. Ich starrte das ganze Konzert auf seinen Nacken, seine Schultern, den Rücken und die wippenden Haare. Es schien, der Dirigent liesse die Musik durch seinen Körper laufen. Jede kleinste Geste in ihm war Musik. Gebannt und atemlos lauschte ich. Schaute ihm zu, war völlig hin und weg. Die nächsten Monate war ich fast jeden Abend in der Symphonie, dutzende Male habe ich den Sibelius gehört und auch jedes weitere Konzert, das Simon Rattle dirigierte.

Und natürlich lauerte ich ihm auch auf. Damals gab es noch kein Wikipedia. Aber ich fand heraus, dass er genau 10 Jahre älter war als ich. Leider fand ich auch heraus, dass er verheiratet war. Aber trotzdem schmachtete ich ihn an. Ging zu jeder Veranstaltung, las jede Pressemitteilung, ging zu Anlässen, an denen er mit seinem wunderschönen Brit-English sprach. Immer hoffte ich, er würde sich einmal umdrehen und mich sehen. Und sich in mich schockverlieben. Was natürlich nicht geschah. So endete meine Zeit in Birmingham, aber ich liebte Simon immer weiter und viele meiner Jungmädchenfantasien waren bei ihm: Simon, Simon, Simon.

Natürlich habe ich irgendwann andere Männer geliebt und wurde abgelenkt. Und Simon machte eine beispielhafte Karriere, wurde ein grosser Dirigent, weltberühmt. Er ist einzigartig, er ist ein Gesamtkunstwerk, er hat sehr viele Menschen zu Klassikfans gemacht. Er ist aber nicht nur Mittler und Werber: Er kann hinreissend zerrissenen Mahler, knusprigen Strawinsky, elegischen Sibelius, jegliche Art von Moderne. Er ist wirklich ein Rhythmus-Kerl. Ich bewundere ihn seit 40 Jahren.

Vielleicht ist es das, was Simon Rattle der Musikwelt vor allem geschenkt hat: die Freundlichkeit, das Zugewandte. Er hat so viele Menschen mit seiner Art inspiriert, mit seiner Musik berührt. Er IST Musik und hat sich inflationär verschenkt. Dass Simon die Klassik nahbar machte und Konventionen über Bord warf, hat ihm jedoch nicht nur Freunde eingebracht. Unter den Philharmonikern soll es welche gegeben haben, die sich bis zum Schluss nicht auf ihn einlassen wollten. Was aber nichts daran änderte, dass Sir Simon das Spitzenensemble überwiegend für sich einnahm, erst recht das begeisterte Publikum.

2006 war ich mal wieder verliebt, in einen Mann, den ich heute „den Irrtum“ nenne. Um ihn noch besser kennenzulernen schleppte ich ihn in ein Arthouse Kino in Zürich. Ich hatte gehört, dass es eine interessante Dokumentation gibt, bei dem jungen Menschen durch Musik und Ballett ein neues Verständnis der Welt und ihrer Möglichkeiten beigebracht würde. „Rythm is it“ hiess der grandiose Film. Was ich nicht wusste: Sir Simon Rattle spielte mit – als Dirigent der Berliner Symphoniker. Ich sah es schon, als die Namen der Protagonisten am Anfang des Films erwähnt wurden. Und dann, als der Irrtum neben mir gerade die ersten Annäherungsversuche machte, erschien Simon auf der riesigen Leinwand. Und es schien mir, er schaut nur mich an. Ich war komplett verzückt und schrie auf vor Vergnügen ihn wieder zu sehen. … nun ja, für den Irrtum war es kein schöner Abend.

Aber ich ging fast jeden Tag ins Kino und schmachtete Simon wieder an. Die alte Liebe war zurück. Und brannte immer noch lichterloh.

Heute wird Simon 70 Jahre alt. Ich denke an ihn und wünsche mir ganz fest, ihm dieses Jahr, wenn ich in London bin, ganz zufällig über den Weg zu laufen. Ich werde nicht schüchtern sein und ihn ansprechen!

Hätte ich gewusst, dass er dreimal heiraten würde, dann hätte ich mich in die Warteschlange seiner weiblichen Fans eingereiht. Aber es ist ja immer für irgend etwas gut, wenn man das nicht bekommt, was man begehrt.

Happy Birthday Simon. Wenigstens deinen Vornamen habe ich jetzt immer bei mir.

La vie est belle – das Leben ist schön!

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