Ende der 80er und Anfang der 90er war ich, wie so viele, eine spirituelle Touristin. Die esoterische Welle kam mit voller Wucht und ich folgte Meistern, Lehrern und Gurus. Einige hatten wunderbar wertvolle Inputs, andere waren Totalspinner und völlig verwirrt. Aber ich sass in Seminaren, Readings aus der „fünften Dimension“ und Vorträgen selbsternannter Erleuchteten. Ich machte Kundalini und Urschrei Exzesse, dynamische Meditationen, Tantra, Rebirthing und Tarot – und wir kauften wirklich sehr viel Eso-Quatsch. Heute muss ich herzhaft darüber lachen, damals verfolgten wir das aber alle mit grosser Ernsthaftigkeit. Nach einigen Jahren hatten wir alle das Gefühl, halb schon heilig, vor allem aber ganz sicher schon auf dem Weg zur Erleuchtung zu sein.
Irgendwann wollte ich an die Wiege alles Wissens, in einen indisches Ashram. Das Sanskrit-Wort „āśrama“ bedeutet so viel wie „Ort der spirituellen Praxis“. Das sagt schon ziemlich viel darüber aus, was in einem Ashram geschieht. Manchmal wird der Begriff „Ashram“ auch mit „Ort der Bemühung“ übersetzt, was andeutet, dass diese Praxis mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betrieben wird. Ziel des Ashrams ist es, eine Umgebung zu schaffen, die den Weg nach innen erleichtert. Der Lehrer steht der Gemeinschaft mit seinem Wissen und seiner Erfahrung zur Seite. Er beantwortet Fragen und hilft, den eigenen Weg zu finden. Aber auch die Gruppe selbst kann eine große Unterstützung sein: Beim Gemüseschnipseln oder am Mittagstisch entstehen schnell tiefe Gespräche über Gott und die Welt, die dich inspirieren und weiterbringen können. Ich pilgerte also und fand dank einem indischen Freund für mich den „Ort“ an dem ich endlich den grossen Durchblick bekommen wollte.
In meinem Ort hatte jeder von uns einen Guide, der sich wie ein Pate entpuppte. Mein neuer indischer Kollege hiess Kukku und war ein junger dünner Inder, der viel mit dem Kopf wackelte und seine liebe Mühe mit mir hatte. Die Anpassung an die Regeln fiel mir sehr schwer, vieles machte für mich gar keinen Sinn und ich sperrte mich rebellisch gegen die Disziplinen, denen ich mich unterwerfen sollte. Endloses Arbeiten und Meditieren (was ich bis heute nicht gut beherrsche) fand ich völlig unnötig um zum Pfad der grossen Einsicht zu kommen. Und: Ich war enorm zappelig und auf der Jagd nach vorne, statt nach innen zu gehen.
Bei einer der endlos vielen öligen Massagen schimpfte eine indische Masseurin dann auch wütend mit mir. Immer wieder gab sie mir einen Klaps und sagte: Now you let goooo Stress! Let gooo! Ich verkrampfte nur noch mehr. Und ich war empört dass kein Flow entstand, sondern die schwarzäugige Schönheit mir zu unterstellen schien ich würde etwas falsch machen! Schliesslich schien ich mich doch voll einzulassen! Eine Frechheit mich so zu behandeln!
(Hatte ich erwähnt, dass ich unbedingt dachte dass ich recht hatte mit allem, was ich meinte zu verstehen?)
Nach einer schier endlosen Zeit im Ashram und täglich sich endlos wiederholenden Pflichten holte Kukku mich und sagte, heute dürfe ich zum Brahmanen. Die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, brāhmaṇa) sind im indischen Kastensystem die Angehörigen der obersten Kaste (Varna). Im Hinduismus ist es Vorrecht und Pflicht der Brahmanen, Lehrer des Veda und Gelehrte zu sein. Bis heute stellen hauptsächlich sie die Priester.
Kukku gab sich Mühe mir zu erklären, wie es geht: Ich solle in ein Zelt gehen, mich an den Rand des Rund darin setzen – ganz nah an den Eingang. Den Brahmanen niemals direkt anschauen, die Augen niederschlagen. Dann gäbe es diesen Moment, dass der Brahmane mich ansieht und ich dürfe eine einzige Frage stellen. Wie ich denn sehe dass er mich anschaut, fragte ich? Wenn ich ihn doch nicht ansehen darf? Das würde ich fühlen, meinte Kukku. Ob der Brahmane denn wenigstens Englisch sprechen würde? Und wenn ich nach der ersten Frage noch eine hätte? Und was dann passiert wenn ich ihn nicht verstehe? Dürfe ich dann nachfragen? Kukku sagte ich würde das alles dann merken. Er führte mich an ein grosses Zelt. Öffnete einen textilen Eingang, schob mich rein. Es stank infernalisch. Der Brahmane hockte auf einem Art Altar, Räucherstäbchen und Kerzen brannten. Ich schlug, wie mir aufgetragen, die Augen nieder und war sehr nah am Ausgang, weil ich glaubte zu ersticken oder zu kollabieren.
Da sass ich nun und musste eine Wahl treffen, welche Frage ich stellen wollte! Mein Geist lief auf Hochtouren, ich prüfte und verwarf verschiedene Ansätze, was ich von dem Gelehrten wissen wollte. Und immer wieder dachte ich: Wie weiss ich nur ob er mich anschaut? Wie sitze ich hier am besten? Wie soll ich denn nur atmen hier drin? Was mache ich wenn ich nichts verstehe? Wie lange geht das denn noch? Irgendwann schaute der Brahmane mich für den Bruchteil einer Sekunde an. Er sagte klar und deutlich: Calm down! (beruhige Dich!). Der Eingang wurde geöffnet und Kukku wollte dass ich rauskomme. Ich sagte: Ich hab meine Frage noch nicht gestellt! Und er: Das war die Antwort! Waaaas? Ich protestierte. Ich komme nicht raus! Ich hab meine Frage nicht gestellt! Er flippte fast aus, denn niemand darf vor einem Brahmanen diskutieren! Unterwerfung! Jetzt!
Er zog mich mit überraschender Kraft aus dem Zelt und war stinksauer auf mich. Es half auch nicht, dass ich das „Calm down“ mit „Come down“ verwechselte! Was hiess das denn? Runterkommen? Wohin denn? Woher denn? Ich diskutierte und stritt mit Kukku und war sauer. Sicher zwei Tage protestierte ich und hatte das Gefühl, betrogen geworden zu sein. Und dann begann ich mit doppeltem Eifer, mich in die Exerzitien zu stürzen, sang, meditierte, passte mich an, unterwarf mich (dachte ich) und strengte mich an. Ich wollte ja nicht ewig bleiben! Und ich hatte endlich eine Frage gefunden, die ich dem Meister das nächste Mal stellen wurde. Sie war klug und gross: Was ist der Sinn des Lebens? Ich war ganz sicher: Jetzt hatte ich dann meine Chance! Ich würde ganz still sein und mich nur auf die Frage konzentrieren! Volle Kraft voraus!
Nach weiteren zwei Wochen… Massagen: Let gooo Stress! Let gooo….! singen und chanten und anpassen… (wie ich dachte)…. hatte ich die nächste Chance. Kukku schärfte mir noch mal alles ein. Auf dem Weg zum Zelt war er streng. Klappte mir mit einem Reisbündel auf die Schulter und verlangte von mir spirituelle Disziplin! Unterwerfen! Come on!
Also wieder rein ins Zelt. Atem anhalten, wegen dem Gestank. Augen runter. Mein Geist machte die üblichen Kapriolen und ich dachte ich zwinge mich jetzt in eine geistige Einbahnstrasse. Easy! Nur auf die Frage konzentrieren. Auf die eine Frage. Nicht denken, nicht denken, nicht denken. Leer werden. Let goooo….
Der Brahmane schaute auf und sagte: Calm down! Klar und deutlich! Aber ich hatte doch meine Frage gar nicht gestellt! Und das konnte doch nicht der Sinn des Lebens sein! Runterzukommen von wo? Wohin! Kukku zog mich raus. Holy Shit. Ich verplatzte fast vor Wut.
Na, was soll ich sagen – die spirituelle Reise war für mich vorbei. Ich hab’s nicht verstanden. Ich hatte auch keine Lust mehr. Ich wendete mich wieder den weltlichen Dingen zu. Eine Weile habe ich noch esoterisch gezappelt, experimentiert und Sachen angehäuft die mir helfen sollten in meine Mitte zu finden. Mich, den Sinn des Lebens, die ganze Durchsicht zu bekommen.
Das kam erst später. Ohne Guru. Ohne Tamtam. Ohne Disziplin. Ohne Unterwerfung.
Aber das ist eine andere Geschichte.
La vie est belle! – Das Leben ist schön.
