In den vergangenen Tagen ist es auf einmal blitzartig Herbst geworden. Die Blätter fielen in riesigen Mengen von den Bäumen, der Himmel verfärbt sich zweimal täglich in den wunderschönsten Farben und es duftet nach Erde, Nebel, Laub und Kastanienfeuern.
Niemand hat den Herbst so stimmungsvoll verdichtet wie Rainer Maria Rilke.
Im „Buch der Bilder“ beschreibt er:
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Magst Du das – das Loslassen? Lässt Du gut los?
Oder hältst Du fest? Tut es Dir gut, Dingen, Situationen, alten Ideen und Plänen einen Platz einzuräumen, den sie behalten dürfen?
Ich habe immer wieder in diesem Blog geschrieben, wie gut es tut, Dinge loszulassen, wenn man zu viele davon hat. Und dann sehe ich, dass es auch ein paar Dinge gibt, die ich nicht loslassen kann oder will. Allen voran mein Auto, zu dem ich schon immer eine emotionale Bindung habe. Als ich einmal einen Monat einen Führerschein Entzug hatte habe ich mich jeden Tag in mein Auto gesetzt und bin nicht gefahren, habe aber im Auto gesessen und genossen, das ich es habe. Auto ist und war – Freiheit.
Vielleicht ist es leichter loszulassen, wenn man dem, was man hat, ein Thema geben kann. Und vorher bestimmt, welches Thema wir beschützen möchten. Und dann fragt man sich: Dient das — meiner Liebe, meiner Freiheit, meiner Leidenschaft, meinem Genuss, meiner Lebensfreude, meiner süssen Erinnerung an glückliche Tage? Wenn es so ist: Behalten. Wenn ein Ding kein Thema hat, dann leichten Herzens eine sanfte Trennung aussprechen. Weitergeben oder entsorgen. Sich er-leichtern. Neuen Raum gewinnen.
Gestern haben eine Freundin und ich ein paar Dinge geräumt. Es ging nicht um viel, wir baden beide nicht in einer Fülle von Sachen. Ich beobachtete sie, wie sie ihre Gewürze und Lebensmittelvorräte aufräumte und dabei murmelte: Davon habe ich viel zu viel, das mag ich eigentlich gar nicht so gern, das verwende ich eigentlich nie. Ich konnte sehen wie sie losliess. Der Abfallsack war nachher tonnenschwer, auch von meinen Sachen. Aber wie schön, dass nachher wieder ein bisschen mehr Raum entstand!
Nicht (mehr) festhalten ist fein.
Und festhalten ist auch fein. In meinem Fall: Ich habe jemandem seine Hände fest gehalten. Weil er Schmerz fühlte und ich ihm sagen wollte: Ich bin hier. Ich bin bei Dir. Ich fühle mit Dir. Ich gebe dir meine Hand. Ich lasse Dich nicht los. Ich bleibe mit Dir in diesem Moment.
Oder auch: Sich lange umarmen. Nicht nur drück drück schnell schnell. Sich Zeit lassen für einen oder mehrere gemeinsame Atemzüge. Zeigen: Ich bin da. Immer noch hier. Bei Dir. Weil es gerade gut ist. So lange, bis wir uns wieder loslassen aber immer noch die gemeinsame Wärme spüren. Die bleibt, auch nicht physisch. Eine schöne Erinnerung, die kein Festhalten braucht.
Alles zu seiner Zeit.
Der Herbst hat wunderschöne Farben, Düfte, Rituale, goldenes Licht, Einkehr und auch eine gewisse Eindringlichkeit. Wie wunderbar, wenn sich unser Leben wieder nach innen lenkt. Natürlich birgt das eine gewisse Melancholie. Aber auch: Schönheit. Wenn wir im Aussen loslassen können und im Innen die reiche Ernte geniessen dürfen. Das volle Herz, mit Erinnerungen und Schätzen angefüllt, ausgefüllt mit dem, um was es wirklich geht.
Magst Du mit mir feiern? Den Herbst?
Bist Du bereit, mutig loszulassen was Dir nicht mehr gut tut? Und gleichzeitig zu feiern, was Du behalten willst und kannst?
Lass Dich verzaubern. Auch nochmals von Rilke.
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Aus: Das Buch der Bilder, Rilke
Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.


