Der Schöne und das Glück

Vor vielen Jahren hatte ich diesen herrlichen Mann bei mir im Coaching, der mit Nachnamen „Schön“ hiess. Und er war tatsächlich auch eine Augenweide. Zudem sehr sehr klug, ein Doktor der Experimentalphysik. Auf den ersten Blick hatte er alles, was ein Herz begehren kann. Ich blickte ihm gerne in sein schönes Gesicht, beobachtete seine geschmeidige Körpersprache und mochte seine absolut umwerfend geschliffene und wohl klingende Wortwahl.

Nur, dem Herrn Schön waren seine Gefühle abhanden gekommen. Er hatte sie mit dem Streben nach oben verwechselt. Mit viel Fleiss und Aufwand hatte er seinen nimmermüden Geist gefüttert, sich in die schwindelnden Höhen der Intelligenz entwickelt und – ja, perfektioniert. Keine Frage, dass es ein grosses Vergnügen war, mit ihm zu arbeiten. Aber – er fühlte nichts, so sagte er es mir.

Ich erinnere mich, dass unser erstes Gespräch zum Anfang des Winters stattfand. Es hatte eine kleine Lage pudrigen Schnee auf den Wegen, als ich mit ihm über eine Halbinsel lief, um seinen Coachingwünschen auf den Grund zu kommen. Irgendwann war es etwas steil und ich trug wie immer mein Markenzeichen, spiegelglatte Sneaker. Ich bat ihn, mich an ihm festhalten zu dürfen, hakte mich bei ihm unter und wir schlitterten gemeinsam nach unten. Noch nie hatte ich mich bei jemandem festgehalten, der so stocksteif und unberührbar war.

Im Laufe seines sehr herausfordernden Coachings habe ich ihn genau da gepackt: An seiner Unberührbarkeit. Einmal nahm ich die Bandagen meines Pferdes mit und band zwei unserer Beine aneinander. So mussten wir dreibeinig durch den Wald laufen. Ich übergab ihm die Verantwortung, dass wir nicht zu Boden gingen. Er versuchte es mit militärischen Befehlen, mit einem angeleiteten Marsch. Schon bald brach er in Schweiss aus. Denn: Es ging einfach nicht, ohne sich den Oberkörper zu stabilisieren indem man sich umarmt. Ein riesiger Stress für ihn.

Irgendwie erkannte ich intuitiv, dass er mehr von diesem Stress brauchte, er musste aus seiner Komfortzone heraus. Ich gab ihm viele unglaublich peinliche Herausforderungen zu meistern. Zusammen laut singen in einem offenen Auto, auf einem Hügel sitzen und Töne machen, sich breitbeinig auseinander stellen und anschreien. Ich engagierte eine liebe schauspielernde Freundin, die er küssen sollte, er musste mit einer wildfremden Person in der „Blinden Kuh“ (einem Restaurant, das in totaler Dunkelheit von blinden Menschen serviert wird) essen gehen und Körpersprache anwenden. Er liess sich ein. Stück für Stück brachte ich seine mentale Intelligenz, von der er so reich beschenkt worden war, zum Schweigen. Es gab Raum. Er taute auf. Das Ganze gipfelte darin, dass ich ihn zu einem Abendessen zu mir einlud, bei dem mein Herzensbruder Georg seine wunderschöne Harfe spielte.

Georgs Harfe (Google: Georg Baum) und sein feines Spiel bringt selbst Steine zum Weinen und so passierte es auch mit meinem schönen Coachee. Nach nur wenigen Tönen brach er fast in Tränen aus. Sein so mühsam zugemauertes Herz konnte den vielen Rissen, die es im Coaching schon bekommen hatte, nicht mehr stand halten und seine Gefühle brachen aus ihm heraus.

Leonard Cohen singt: „Ring the bells that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack, a crack in everything. That’s were the light gets in“

und diesen Songtext habe ich auch in den letzten Tagen hier auf Jersey, bei meinem allerletzten, wunderschönen Adler, wieder gebraucht. Auch sein Herz: Tonnenschwer und verklebt von dem Versuch, das perfekte Leben, den Plänen über seine Laufbahn, seiner Idee, wie man(n) zu sein hat zu folgen. Und dabei hatte er diese Pläne nicht einmal selbst gemacht. Es wurde von ihm erwartet, wie er zu sein hat. Und er wurde demoralisiert, seine eigenen Ambitionen und Gefühlen keinen Raum geschenkt, er wurde zu vielem gezwungen, die Schule, die Uni, die Gesellschaft hatten ihn immer mehr in einen Concon gezwungen, in dem es keinen Platz für Feinheit mehr geben durfte. Das Herz – von ihm auf Leben und Tod beschützt – verhungerte allmählich.

Warum hatten der kluge Herr Schön und der schöne Eliteadler sich so sehr auf ihren scharfen Verstand verlassen? Weil Fühlen lebensgefährlich erscheint in einer Welt, die von uns Haltung verlangt, Ratio, Gehorchen, Mitspielen und Anpassung.

Wie glücklich bin ich, wenn ich jetzt zurück denke an den Herrn Schön, der lieben konnte, als sein Herz „gecrackt“ war. An den älteren Holländer, der vor vielen Jahren bei mir war und seine Liebe frei äussern lernte, an die wunderbare Frau, die hier ihre lebenslange Kontrolle in Flammen aufgehen liess und ihre Arme öffnete um das Leben zu umarmen.

Und jetzt, der grossartige Adler mit dem feinen Herz, der sich öffnen, öffnen und öffnen kann, wenn er auf dieses edle Herz hört und sich der Welt schenkt, statt nur seinen Verstand zu servieren.

Ich bin reich beschenkt worden in den vielen Coachingjahren. Mit Geschichten, mit Durchbrüchen uns Ausbrüchen und Aufbrüchen, mit Entfaltungen und Entwicklungen und Menschen, die sich mir vertrauensvoll öffnen konnten um sich dann den schönsten Seiten der Welt zu widmen. Was für ein Geschenk!

So viele haben ihr Glück gefunden, die meisten hier auf Jersey, wenn sie die Arme öffneten und frei flogen, sich fallen liessen in die Gefühle und das wirkliche, echte Leben. Und wie sehr habe ich mit ihnen gelitten, wenn der starke Verstand sie nicht aus dem eisernen Griff lassen wollte. Wie sehr habe ich mit ihnen gejubelt und gefeiert, wenn die verrostete und tonnenschwere Herzenstür sich öffnete und sie das Leben endlich, endlich – lieben und umarmen konnten.

Was für ein unglaubliches Geschenk, dass ich das initiieren, begleiten, provozieren und herauslocken durfte.

Ich muss ein Glücksschwein sein! Und diese fantastischen Menschen auch.

Heute darf ich Dich mal wieder fragen:

Öffnest Du Dein Herz jeden Tag? Liebst Du das Leben? Bist Du bereit, Dein Bestes zu geben? Schenkst Du Dich?

Darum – und nur darum geht es.

Denn: Da, wo Du das Leben fühlen kannst, da ist es auch.

C’est la vie!

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