Beseelt

In der vergangenen Woche hatte ich eine wunderschöne Begegnung mit einem Freund aus Jugendtagen, den ich für einige Jahrzehnte ein bisschen aus meiner Nähe verloren hatte. Es war auf eine bezaubernde Art schön, sich jetzt mit Falten und reifem Aussehen wieder zu sehen. Es war nichts verloren gegangen von dem jungen Menschen, der in meiner Erinnerung war. Sein Gang war der selbe, die Gestik, seine Aufmerksamkeit und sein ganzes schönes Wesen.

Vor allem aber: Höchst erstaunlich… wir konnten wieder anknüpfen da, wo wir damals waren – und besser noch: Es war tiefer, berührender, wie wir ohne irgendwelche Umwege in ein tiefes Gespräch fanden.

Im Nachgang habe ich die Wärme noch lange gespürt, die unsere Verbindung von damals in unser heutiges Zusammensein hinein weben konnte. Wie wertvoll!

Das ist wohl das Schönste am Älterwerden: Die Früchte von dem zu sehen, was aus den Dingen, den Verbindungen, den Freundschaften, den Inspirationen von damals gewachsen ist. Im Laufe des Lebens geht ja manches verloren. Auch unsere Ambitionen, unsere unumstösslichen Wahrheiten, die Ziele die wir einst verfolgten und die irgendwann unwichtig wurden.

Ich muss ein bisschen schmunzeln wenn ich an mein altes Ich denke. Ich war super revolutionär und gierig auf das Leben jenseits der Gewöhnlichkeit. Das führte mich in viele Kapriolen. Und nicht alle waren durchdacht und klug gewählt. Ich erinnere mich jetzt kichernd an meine Sammlung von Mercedes Sternen, die ich in einer Schuhschachtel unter meinem Bett hatte. Eines Tages stiess mein Stiefvater, ein Polizist, mit dem Fuss daran. Es schepperte und es offenbarte sich meine „dark side of the moon“. Niemand hatte mir das zugetraut. Für mich war es immer leicht über jede Grenze, auch die des Anstands zu gehen. Was war ich nur für ein wildes Ding. Ohne Ahnung davon, was wild überhaupt bedeuten konnte.

Heute gibt es diesen Satz über mein Coaching:

Das Gegenteil von wild ist nicht kultiviert. Es ist gefesselt.

Denke ich nun also an die Begegnung mit meinem lieben Freund aus alten Tagen dann sehe ich vor allem das: Dass wir nicht mehr gefesselt sind, sondern einfach und und real, ungeschminkt und pur über das sprechen können, was in uns gereift ist. Dass vieles natürlich und klar ist, dass wir nicht mehr spielen müssen, keine Masken tragen, dass wir befreit sind von alten Bildern und Vor-stellungen. Dass Gesten und Augen-Blicke intuitiv und nah sind, ohne Zurück-Haltung und ohne Plan, was damit erreicht werden soll.

Ach, es ist schön und echt und wertvoll, jenseits aller Masken, einfach DA zu sein wo wir sind und die Zeit zu erleben, abzutauchen und anzukommen.

Nach unserer Begegnung schrieb er mir, er sei noch immer beseelt von unserem Wiedersehen.

Wie wunderbar, wenn zwei Menschen einander in der Seele begegnen können.

Sich einem anderen ausschütten, bis eine Insel entsteht – das wäre der Boden zum Stehen.

Da, wo wir das Leben spüren können, da ist es auch. C’est la vie.

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