Maulfaul

Letzte Woche ist es wirklich super gelaufen. Ich hatte eine ganze Reihe sehr guter Gespräche. Sowohl im beruflichen Umfeld als auch privat. Die Gespräche waren alle tief und wertvoll. Hatten Essenz und Sinn. So was mag ich. Vielleicht ist es der besonderen Situation geschuldet, dass man plötzlich über Wesentliches sprechen kann, wenn die Oberfläche verloren geht, weil sie ganz und gar keine Relevanz mehr hat.

In anderen Zusammenhängen erlebe ich mich oft als maulfaul. Kennst Du das?

Es gibt wenige Dinge, die ich so sehr verabscheue wie Smalltalk. Ich kann und will ihn einfach nicht. Diese leeren, uninteressanten Floskeln: „Hey, na?“, „Alles gut?“, „Ja, klar.“, „Ja, muss ja, ne?“, „Jaja, muss. Aber wird ja.“, „Und sonst?“, „Ja, alles super. Was macht das Leben?“, „Du, alles tip top, kann nicht klagen.“, „Ach schön!“, „Ja, schön!“, „Bei dir so?“, „Nee, auch alles gut.“, „Kein Wunder bei dem Wetter, was?“, „Ja, das ist wirklich schön.“, „Wurde ja auch mal Zeit. Lange Regenzeit gewesen.“, „Kannste laut sagen.“, „Was macht die Uni?“, „Ja, wie immer.“, „Und die Arbeit.“, „Ja, anstrengend, aber nett.“ Diese nichtssagenden Konversationen ziehen sich immer zu lange. Unfassbar zäh, unfassbar nervig, wie ein Kaugummi, den man nur noch im Mund hat, weil weit und breit kein Mülleimer zu sehen ist und man zu gut erzogen wurde, um ihn einfach auf die Straße zu spucken.

Was also tun?

Ich habe gesehen, dass es Kurse gibt, wie man Smalltalk meistert. Das hat mich zum Lachen gebracht. Es gibt Menschen, die den Smalltalk wirklich brauchen und es eben lernen müssen „den Mund aufzumachen“. Das sagte man mir in meiner Jugend oft: Ich solle doch mal den Mund aufmachen. Aber – mir fiel eben nichts ein. Mein Adoptivvater hat mich oft als „ruhig“ bezeichnet. Er sagte: Bist Du immer noch so ruhig. Aber ich war nicht ruhig. Ich war zu Tode gelangweilt. Also machte ich den Mund nur auf, wenn es spannend wurde und was Wesentliches geredet werden konnte.

Allem anderen entziehe ich mich gerne. Früher dachte ich immer: Ich kann das einfach nicht. Heute sage ich: Ich habe keine Lust. Wie gut, wenn man sagen kann: Das lasse ich jetzt. Wenn man älter wird hat man die Freiheit zu entscheiden wo man (noch) mitspielt und wo man es lässt, weil es eben nicht mehr relevant ist. Es wird einem ja auch immer mehr egal, was die Leute von einem denken, wie erfrischend!

Und ich bin auch einfach manchmal „maulfaul“ wenn ich zu viel gesprochen habe und vielleicht auch über selbe Inhalte. Das geht bei mir nicht ewig, das Quasseln. Ich muss auch Pausen haben und den Mund halten und im besten Falle etwas Neues in meinen nimmermüden Geist füllen. Ich brauche Ruhe vom Reden. Immer öfter.

Aber wenn schon reden, dann wenigstens über Spannendes. Gerne „nerve“ ich die Leute dann mit anderen Fragen, die mich wirklich interessieren und gehe dabei auch gerne mal über Grenzen.

Vor einigen Jahren war ich einmal zu Besuch bei Menschen, die ich eigentlich nicht sonderlich mochte. Ich hatte mich überreden lassen, es gab familiäre Bande. Weil es die letzten Male sterbenslangweilig war, brachte ich dieses Mal Moderationskarten mit. Es gibt wirklich viele solche Kartenspiele und sie sind alle super interessant. Als ich sie auspackte und sagte: Lasst uns doch heute mal ein paar Spielkarten spielen und die Gastgeberin einen Blick darauf warf sagte sie: Das ist mir zu persönlich. Ich weiss nicht ob ich so was will! Ich fragte, ob sie lieber Unpersönliches möchte. Sie und ihr Mann waren sich da einig: Ja, lieber schön an der Oberfläche des Lebens bleiben. Ich habe dann die „Party“ verlassen, die beiden (Schwager und Schwägerin) und auch den dazugehörenden Ehemann entsorgt. Danke, aber nein danke.

Wie steht es um deine Gespräche? Magst Du inspiriert werden und inspirieren? Wie unterbrichst Du endlose Wiederholungen? Wie kommst Du an essentielle Gespräche?

In der vergangenen Woche sass ich mit einem ehemaligen Coachee in einem edlen Restaurant in Zürich. Um uns herum alles Businesspeople. Auch wir waren beruflich gekleidet. Aber wie leichtfüssig lief das Gespräch! Wir lachten und erzählten und spielten verbales Pingpong und sassen zwei Stunden dort an der Limmat und amüsierten uns. Halleluja, was für ein gegenseitiges Vergnügen. (Danke, S.)

Ich wünsche Dir diese Woche tolle Begegnungen mit Tiefgang und Sinn und Humor und vielleicht auch etwas, das sich lernen lässt. Jedenfalls freue ich mich auf Deeptalk. Ich werde den Mund schon aufmachen! Wenn es sich lohnt 😉

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la Vie.

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