Von allen Geschichten, die mir ein Falkner über die wunderbaren Adler erzählt hat, beeindruckte mich eine immer ganz besonders: Wie ein Adler in Würde stirbt. Er sprach vom Steinadler, der hier bei uns in den Alpen lebt. Wie schade, dass er in deutsch so einen unschönen Namen trägt. In französisch, heisst er „Aigle Royal“. In englisch „Royal Eagle“. Er heisst auch so, weil er einen Kranz von goldenen kleinen Federn um seinen Hals trägt. Und er heisst auch so, weil er ein würdevoller, elitärer Adler ist.
Der Falkner sprach davon, was passiert, wenn es den Adler einmal erwischt. Wenn er bei der Jagd einen winzigen Fehler macht und von seiner Beute, zum Beispiel in seinen Greif, gebissen wird. Der Adler weiss, dass er ohne einen funktionierenden Greif nie mehr jagen kann. Und er weiss, dass die Bakterien, die das Beutetier über seine Zähne übertragen hat, ihn umbringen werden.So fliegt er weit hoch in die Felsen, setzt sich an eine Nische und wartet auf den Tod. Er zetert nicht, er hadert nicht mit seinem Schicksal, er schreit nicht, er bedauert nicht. Er sitzt still und wartet. In Würde und Ruhe. Zieht sich zurück in sich selbst. Irgendwann dann, fällt er lautlos hinab.
Was für ein grossartiges Bild vom Sterben. Ich habe es meinem Vater, der in der vergangenen Woche abgeflogen ist, nie erzählt. Und trotzdem hat er es genau so gemacht: Er nahm mit einem tapferen Herzen seine Diagnose in Empfang. Wir wussten alle, dass es schnell gehen würde. Sassen noch bei ihm und hatten Zeit für den Abschied. Ab da liess er los. Machte die Augen nicht mehr auf. Dämmerte weg. Natürlich hat ihm die Krankheit dabei geholfen. Aber die Würde, die Ruhe, die er sich nahm, sich einfach zurück zu ziehen und das Leben, den Tod, machen zu lassen, das war schon gross.
Als er gegangen war sass ich eine Weile neben dem jetzt so stillen Körper. Ich sass da und spürte noch seine Präsenz im Raum. Vor vielen Jahren habe ich eine Weile im Zürcher Hospiz Lighthouse gearbeitet, da hatte ich diese präsente Stille schon erlebt. Es war friedlich und schön und auch sehr entspannt. Natürlich musste ich ein bisschen weinen. Ich spürte die Leere, die er hinterlassen wird. Aber ich sah es auch als Geschenk, dabei sitzen zu dürfen und die Zeit zu haben in Stille miteinander zu sein.
Wie so oft ging mir eine Frage durch den Kopf, die ich eigentlich jedem Menschen zu jedem Tag stellen möchte: Hast DU Dein Leben gelebt?
Ich kann mich an unseren Vater als sehr fleissigen und arbeitsreichen Mann erinnern. Auch einer, der die kulinarischen Freuden genossen hat. Bis zuletzt war er jemand, der Süssigkeiten liebte und gerne herzhaft gegessen hat. Und er proklamierte sehr gerne über die deutsche Geschichte und speziell die deutsche Wehrmacht in Osteuropa, die Russen, die Polen, die Invasion. Aus irgendeinem Grund hatte er diesen Faible für geschichtliche Ereignisse. Und für einen derben Humor. Und er mochte sein eigensinniges Leben in einem Waldgrundstück mit seinem Hund. Er war ein Einzelgänger. Ein Mensch, der nach eigenen Regeln lebte und alles genau so machte wie er es für richtig hielt.
Ich sehe mit Dankbarkeit auf unsere Begegnung aber ich habe mich in den letzten Tagen oft gefragt, wer er eigentlich war und ob er glücklich war. Auch mit seiner Lebensbilanz. Ob er gerne gelebt hat? Ob er etwas vermisst hat in seinem Leben? In den letzten Jahren wollte ich ab und zu einmal tief abtauchen mit ihm. Aber er wollte sich „nicht ausfragen lassen“ und er meinte, ich solle meine berufliche Neugier zügeln.
Also kann ich nur das tun: Aus seinem Sterben sein Leben verstehen. Er ging wie ein Adler. Aufrecht. Still. Geduldig. Auch im Tod sah er schliesslich friedlich aus und wie einer, der seinen eigenen Weg gegangen ist. Noch immer war sein Unterkiefer ein bisschen spöttisch nach vorne geschoben. So als wolle er sagen: „So, ich bin dann mal fort. Macht doch was Ihr wollt.“
Jetzt muss ich schmunzeln. Ich denke, genau das hätte er gesagt.
Wenn man den Tod, das Sterben, betrachtet, dann kommt man immer auch wieder ein bisschen mehr ins Leben. Die Endlichkeit ist ein riesiger Motor, das Leben noch (mal) so richtig auszukosten, alles bewusst zu erleben, sich Raum und Freiheiten zu nehmen.
Lebst Du Dein Leben? Bist Du glücklich? Zufrieden mit Deiner Bilanz?
Wenn ja, dann ist es gut.
Wenn nein – dann jetzt! Wann sonst?
Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.
