Ich habe es wieder getan: Ich habe jemandem geholfen, seine Sachen weg zu organisieren. Leider nicht das erste Mal. Aber ganz sicher das allerletzte Mal. Ich werde das nie mehr machen. Mit jedem neuen Mal merke ich, wie sehr mich das erschlägt. In den Boden drückt und mich anstrengt: Menschen, die ihre Sachen horten und nicht wegräumen, entsorgen oder wenigstens: Sich darum kümmern. Aber auch das – sich um Sachen kümmern – wie absurd ist das?
In den vergangenen Jahren lebe ich mit immer weniger Sachen. Und trotzdem, meiner Meinung nach, immer noch zu viel. Ja, man braucht wohl ein gewisses Mass an Dingen, um sich bequem und komfortabel zu fühlen. Das mag ich ja: Atmosphäre schaffen. Kleine Dinge und Möbel so arrangieren, das man sich wohl fühlt und etwas anfassen, anschauen oder benutzen kann, um sich sicher, geborgen und amüsiert zu fühlen. Über diese Dinge spreche ich nicht.
Aber all das, was man besitzt und niemals damit etwas tut?
Der Vater meiner Kinder besass ein riesiges Haus, das schon voll war, als ich zu ihm zog. Und er hatte auch Sammlungen. Und – Opportunitäten: Die Garage war voll, der Keller, der Dachboden, mit einer wilden Sammlung von Sport-Equipment, mit Camping und Bergausrüstung, mit Partysortiment, Ersatzgeschirr, Andenken, Büromaterial, elektronischen Gadgets und Autozubehör. Es hatte sich schon viel angehäuft bei ihm. Als wir mit dem ersten Kind (das auch wieder sehr viele Dinge brauchte) umzogen, war der Lkw voll mit Dingen, die wir vielleicht wieder einmal brauchen könnten (oder eben auch nicht).
Ein paar Jahre später, die nächsten Menschen, die mich begleiteten, sah ich wieder neue Sachen und Dinge, die ein Mensch so anhäufen kann. Und auch – unerledigte Handlungsabläufe. Uralte Papierstapel, Dia’s, Fotos, zerfledderte Bücher, Ersatzgeschirr, Textilstapel, einmal gekaufte aber nie angebrachte Badutensilien, Giesskannen aller Grössen für Pflanzen aller Grössen, Vasen, Geschirr und ach ja – besonders beliebt: Baumaterial das nie verbaut worden war, Ersatzkabel, Werkzeuge! – Bastelsachen. Und eine Ansammlung von Originalkartons und Betriebsanleitungen und Fahrräder, Anhänger, Gartengeräten.
Ich bin allergisch gegen dieses Haben, haben haben. Ich mache einen weiten Bogen. Und trotzdem komme ich immer wieder in diese Lage: Jemanden helfen, damit er wieder atmen kann. In den letzten Tagen also räumte ich mit meiner Schwester ein Haus, eine Garage und Berge Berge von Sachen. Und wir verteilten auch grosszügig an Menschen, die wieder diese Sachen haben wollten. Die sich freuten über Rasenmäher, Kreissäge, Werkzeuge, Lampen, Deko, Elektrogeräte. Glücklich zogen sie mit den Sachen von dannen und reihten sie zuhause ein in ihre Sammlungen.
Gestern Abend dann war es so weit: Wir schleppten uns nach vier Tagen unendlichem Aufräumen und Entsorgen zurück in unsere Unterkunft und die Dinge und das Feilschen um die Dinge hatte uns erschlagen und in den Boden gedrückt. Wir schleppten uns ins Restaurant und ich mochte nicht einmal etwas essen. Jedes Geschirr und jeder Salzstreuer und Tischdeko war zu viel. Ich mochte nichts mehr anfassen.
Warum um Gottes Willen will der Mensch mit so vielen Dingen leben? Und immer noch mehr mehr mehr anhäufen?
Mein Bruder brachte es auf den Punkt: Von uns bleibt nichts übrig. Aber dieser Wahnsinn an Material, der wird verteilt, entsorgt, weiter gegeben. Bis auch diese Ansammlung dann irgend wann wieder weiter gegeben wird. So zirkulieren Dinge, wachsen Müllberge und Deponien. Nur: Was bleibt von dem Mensch?
Was bleibt von Dir?
Ich hatte mir fest vorgenommen gar nichts nichts nichts mitzunehmen. Und nahm doch etwas mit: Ein Foto von 1951, das eine Geschichte erzählt. Weil ich auch eine Sammlerin bin. Eine Geschichtensammlerin, deren Material ätherisch ist – flüchtig. Etwas, das erzählt und wieder vergessen werden kann. Etwas das mich inspiriert oder amüsiert oder nachdenklich macht. Vielleicht auch meine Leser.
Von all den Dingen, die uns Unmengen an Geld und Schlepperei kosten wird nur Müll, Entsorgungsgebühren und Last bleiben. Aber unsere Geschichten, die gelebte Liebe, die schönen Momente werden vielleicht heute oder später jemanden bereichern. Augenblicke und Umarmungen und menschliche Wärme erzeugen. Dafür braucht es nichts als ein offenes Herz, ein freier Blick, ein freier Geist und eine offene Hand.
In den letzten Tagen waren meine Hände voll mit Zeug. Voll mit Dingen ohne Seele. Mit Sachen, die einmal hergestellt wurden und den Planeten vermüllen. Das hat mich schwer, müde und erschöpft zurück gelassen. Ich brauche einen „nothing“ day. Einen Tag, an dem ich Luftlöcher schauen kann, die Hände offen sind ohne zu greifen. Ruhe. Leere.
Davon will ich mehr mehr mehr.
Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.
