Falsch, falsch, falsch

Mein wunderbarer älterer Sohn hat seine ganz persönlichen Strategien, durch ein glückliches Leben zu kommen. Eine der Regeln, die er seit Kindheit angenommen hat: Er flucht nicht. Niemals. Ich finde das höchst bemerkenswert. Denn seine Eltern, sein Bruder und alle seine Freunde fluchen.Aber er geht noch weiter: Er bewertet und verurteilt auch nicht. Er will nicht mitspielen bei den bösen Spielen. Ein einziges Mal hat er mich auf etwas aufmerksam gemacht, was er an einer Person nicht mochte. Das ist mehr als zehn Jahre her und ich glaube mich zu erinnern, dass er drumherum geredet hat.

So schaue ich in sein sonniges Gemüt und bewundere ihn. Und ich beneide ihn sogar. Denn ich fluche. Ich urteile. Ich bewerte. Und: Ich fühle mich unwohl damit. Nicht unmittelbar. Nicht solange ich Recht haben will. Danach aber sehr heftig. Und ich spüre es sogar körperlich: Es lässt mich schrumpfen, klein und eng und böse (vergiftet) zurück.

Buddha hat gesagt: Etwas Böses über einen Menschen denken/sagen, ist wie Gift trinken und erwarten, dass der andere daran stirbt.

Habe ich das Recht zu urteilen? Weltpolitisch? Gesellschaftlich? Persönlich?

„Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn Du ihn verstehen willst“, rät ein indianisches Sprichwort – und tatsächlich: Die Vorstellung, ganz konkret an der Stelle, in der Situation eines anderen zu stehen und zu handeln, lässt unterschiedliche Perspektiven erfahrbar werden.

Viele Missverständnisse und Konflikte entstehen, weil wir im Tunnelblick nur auf ein winziges Detail des ganzen Bildes starren. Einen einzigen Aspekt dessen, was den anderen Menschen ausmacht. Ein kleiner Bruchteil losgelöst aus dem Kontext. Ein isoliertes Puzzlestück.

Wir alle haben unsere eigene Geschichte, sind durch Erfahrungen und Situationen gegangen, die unseren Blick auf die Umwelt geprägt haben. Wir alle haben unsere eigenen Gründe, uns auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Doch im seltensten Fall sind diese Beweggründe für den Gegenüber klar ersichtlich. Was wir sehen können, ist lediglich das Resultat – ein bestimmtes Verhalten.Und auch das ist niemals für ewig. Menschen verändern sich. Menschen korrigieren sich bisweilen, bereuen, lernen dazu, machen Dinge anders. Wer sind wir, über einen Menschen zu urteilen?

In meinem Leben hatte ich viel mit Menschen zu tun, die bösartig beurteilt haben. Fast immer in meinem beruflichen Kontext. Eins hatten diese Menschen gemeinsam: Sie waren frustriert, gestresst, verängstigt. Sie gingen in Konkurrenz oder sie wollten sich nicht unterlegen fühlen. Fast immer begleitete sie eine gewisse Ohnmacht.

Ganz erstaunlich, wenn man dann diese Personen (und auch mich selbst, und auch Dich) auf ein Phänomen aufmerksam macht:

Gestikuliere einmal eine Revolverhand. Ein Zeigefinger zeigt nach vorne. Der Daumen ist aufgerichtet. Jetzt zeigen drei Finger in Deine Richtung. Einer zum Gegenüber. Einer nach oben.

Also: Die drei Finger stellen Dir eine Frage: Was hat das hier mit mir zu tun?

Werde Dir über Deine Gefühle bewusst. Wie fühlst Du Dich, wenn Du etwas be- oder verurteilst?

Was ist also das Wichtigste an der Situation?

Was kannst Du sofort daran ändern?

Einer meiner Coachees hat heute das Richtige getan. Er hat die Situation beurteilt (nicht verurteilt). Drei Finger in seine Richtung: Wie ging es ihm damit? Den richtigen Schluss gezogen. Die Sache für sein Seelenheil entschieden. Basta. Auf geht’s in die gefühlte Freiheit.

Und die Moral von der Geschichte?

Es gibt nichts, gar nichts, was wirklich wichtig ist. Ausser dass Du bei Dir in Frieden bist.
Wenn Du Dir selbst hilfst, dann ist allen geholfen. Dann kann Wunderbares folgen. Es kostet Dich nur – eine Entscheidung für das Richtige.

Und dann noch zu meinem Zauberkind. Ich danke ihm für seinen Spiegel. Ich kann noch viel von ihm lernen.

„Urteile nicht über das Leben anderer.
Jeder hat einen Weg hinter sich,
von dem du nicht weisst,
ob du ihn hättest gehen können.“

Da, wo Du das Leben fühlen kannst, da ist es auch. C’est la vie.

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