In den vergangenen Tagen hatte ich das zweifelhafte Vergnügen sehr sehr viel Papier eines gelebten Lebens einzusehen. Und was präsentierte sich da an Vergnüglichem, Amüsanten, Interessanten. Auch viele Geheimnisse kamen an die Oberfläche. Nach einigen Stunden Sichtung der Papiere konnte ich den roten Faden erkennen, der sich durch ein Leben ziehen kann. In diesem speziellen Fall: Ein herrlich eigensinniger Charakter, der immer das tat, was er für richtig hielt, was aber nicht in alle Fällen richtig war.
Ich ging zurück in seine Geschichte und fand Anhaltspunkte, wie sich ein Leben entfalten kann.
In fast allen Fällen spricht man da von „Prägung“. Die soziale Umwelt prägt sich dem Gehirn und der Psyche des Kleinkindes aber nicht nur innerhalb der ersten Lebensjahre, über die primäre Bindungserfahrung ein, sondern bereits vor der Geburt. Dies geschieht vor allem über das Gehirn der Mutter, mit dem das Gehirn des ungeborenen Kindes über die Blutbahn verbunden ist.
In der Verhaltensbiologie bezeichnet die Prägung eine irreversible Form des Lernens. Sie geschieht in der sensiblen Phase des Lebens. In dieser Phase werden Reize aus der Umwelt so sehr verinnerlicht, dass sie im weiteren Lebensverlauf wie angeboren wirken.
Wer meine Arbeit als Coach kennt, weiss, wie intensiv meine Meinung dazu ist: Ja, wir werden alle geprägt durch das Aussen, die Eltern, die Kindheit, unsere Erfahrung in der Erziehung und beim Aufwachsen in unserem jeweiligen Milieu. ABER – dennoch, trotz aller Prägung – haben wir auch die Wahl. Denn wir müssen nicht für immer bleiben wie wir zu sein hatten. Wir müssen Werte unserer Vorfahren nicht unbedingt adaptieren. Wir müssen nicht mitschwimmen, uns nicht anpassen. Und wir müssen auch nicht zwingend rebellieren und genau das Gegenteil tun.
Wir haben IMMER die Wahl!
Der Punkt ist: Die meisten Menschen wissen gar nicht, was sie geprägt hat.
Eine Prägung ist wie ein Impuls. Eine Weichenstellung. Wir sehen hin: Ist mir das sympathisch? (sympathisch heisst: aufgrund innerer Verbundenheit gleich gestimmt. Oder auch: Mir entsprechend) Wenn es sympathisch ist, werden wir es in unser Wertesystem, unsere Denk- und Handlungsweise aufnehmen. Ist es uns unsympathisch, werden wir es ablehnen, konträr dazu handeln und es verdrängen.
So taumeln wir, meist unbewusst, den Prägungen hinterher und sind eingedrückt mit den Werten der anderen.
Aber: Es gibt nicht nur Eindruck in unserem Leben.
Es gibt auch: Ausdruck.
Wir sind keine Münzen, auf denen lebenslänglich der gleiche Wert steht. Wir sind Menschen, die dynamisch und in innerer und äusserer Bewegung sind. Wir haben die Wahl. Immer! Wir können jederzeit „über die Bücher“ gehen und uns fragen: Passt das zu mir? Will ich das Leben? Will ich es so leben? Will ich so handeln? Was entspricht mir ganz individuell? Wer will ich sein? Was ist meine, ganz individuelle Art, das Leben zu führen?
Ich finde: Wer aufgrund seiner Prägung – und nur so – handelt, ist einfach zu bequem um sich eine eigene Individualität zu erschaffen. Und verpasst damit eine grossartige Chance, sich selbst einzuprägen. Und den eigenen Ausdruck zu präsentieren.
Mein Freund Carl Gustav hat dazu gesagt:
„Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir
unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte ,Individuation‘ darum auch als ,Verselbstung‘ oder als Selbstverwirklichung‘ übersetzen“ (C.G.Jung 1933)
.
C.G.Jung nannte den „Spiegel-Moment“ den Zeitpunkt des Erwachens. Jeder Mensch kommt in der Lebensmitte an diesen Punkt. Und danach beginnt die „Individuation“, die Befreiung unseres wahren Wesenskerns.
Es geht nicht mehr darum, sich danach zu richten, was man tun sollte und was im Allgemeinen richtig wäre, sondern um die eigene innere Wahrheit.
Es lohnt sich, einmal anzusehen, was uns geprägt hat. Was war für uns entscheidend und richtig und wichtig? Was haben wir daraus gemacht? Was hast Du selbst gewählt? Inwiefern hat Dich die Prägung in eine Richtung gedrängt? Warst Du damit einverstanden?
Willst Du es anders? Was willst DU denn?
Bist Du Dir bewusst, dass Du die Wahl hast?
Immer? Und trotz aller Prägung?
Keiner hat da eine bessere Frage gestellt als der grosse C.G.:
„Du musst Dich entscheiden, willst Du gut sein, oder ganz“
C.G.Jung
Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.
