Paradies

Wikipedia: Das Paradies[1] ist nach jüdischer und daraus abgeleitet christlicher und islamischer Vorstellung der Ort, wo die Menschen zu Anfang ihrer Existenz gelebt haben, bis sie daraus verstoßen wurden.

Einige Jahre habe ich im südlichsten Zipfel der Schweiz gelebt. Das war eine Schnapsidee, über die ich heute noch schmunzeln muss. Irgend etwas hatte meinen Verstand vernebelt und mein Herz hat auch nicht genau hingeschaut was ich „eigentlich“ brauche. Na auf jeden Fall „eigentlich nicht“ die Italianità.

Trotzdem habe ich das Abenteuer genossen. Sehr sogar. Spannende Menschen kennengelernt. Das Kochen neu entdeckt. Die Ruhe genossen. Die Einsamkeit der Wälder in mich eingesaugt. Die Flüsse und Wasserfälle waren grossartige Badeplätze, eiskalt und reissend wild. Das Leben im südlichen Tessin hatte etwas Ursprüngliches, etwas Rohes und Echtes. Am allermeisten hatte es mir das Valle Bavona angetan, ein Tal das in grossen Teilen ohne Strom und vor allem ohne Internet auskommt. Da konnte ich tagelang einfach Mensch sein, zurück auf das Wesentliche reduziert. Und ich habe ein grossartiges Coaching dort geschrieben: Go wild. Weil die Natur es mir eingeflüstert hat, weil ich wieder spüren konnte, um was es wirklich im Leben geht.

Und dann kam die Pandemie. Ich durfte nicht raus aus dem Tal. Für Tage gab es vorne an der Ponte Brolla eine Polizeisperre, die verhindern sollte, dass wir Talbewohner uns zu sehr unter die Menschen mischen. Denn: Das Virus war aus der Lombardei zunächst in die Täler geschwappt. Niemand wusste Genaues. Jeder hatte Angst. Ich bin trotzdem nach Locarno gefahren, weil ich die Polizia davon überzeugen konnte, dass ich dringende Besorgungen machen müsste. Einen Moment dachte ich: Fahr weiter, hoch in die Deutschschweiz. Stattdessen wollte ich keine Panik und ausserdem auch mein schönes Zuhause nicht verlassen. Ich ging durch den Parco della Pace, den Friedenspark. Lief ein bisschen am See entlang. Auf einer Wiese lag ein hustender älterer Mann. Eine ältere Dame kam mir entgegen und sagte: Sarà morto presto…. er wird bald tot sein.

Natürlich bin ich sofort ins Tal zurück gefahren, die Taschen vollgestopft mit deutschen Zeitungen und jede Menge Proviant. Es wurden entspannte Wochen mit spektakulären Sonnenuntergängen, göttlicher Ruhe und solidarischer Nachbarschaft. Das Tal gehörte uns und wir badeten und lachten und lebten friedlich und mit dem nötigen Abstand aber in Zuversicht, dass alles wieder gut wird. Und dann kam der Knaller: Um die Deutschschweizer davon abzuhalten, ins Tessin in ihre Ferienhäuser zu fahren, wurde ein Spot lanciert, der die Schönheit vom Tessin zeigte, aber dringend dazu aufforderte nicht wie üblich an Ostern und Pfingsten zu uns runter zu fahren. Im Tessin waren viel zu viele Krankheitsfälle und noch war das Virus wenig im Norden angekommen. Und dann – überlegten sie noch, den San Gottardo und den San Bernardino zu schliessen. Zumachen, die südliche Welt abriegeln.

Ich fürchte, das war der Moment, an dem mir klar wurde: JETZT muss ich das Tessin verlassen. Und zwar ultimo subito.

Natürlich bekam ich das Virus ab und zwar sehr sehr schlimm. Und dann war mir klar: Sollte ich das hier überleben war’s das mit dem wilden Leben im wilden Tessin. Zurück in die Zivilisation! Aber ganz schnell! Ich bin noch zu Coronazeiten zurück gezogen und habe die ursprüngliche wilde rohe herrliche Landschaft verlassen. Es war einfach genug. Und – auf gar keinen Fall wollte ich jemals eingesperrt werden!

Na – um ehrlich zu sein, wenigstens in der italienischen Seite der Welt nicht. Denn: Jedes Mal wenn die Fähre aus Jersey sich verzögert und ich auf meiner Insel bleiben muss, freue ich mir ein Loch in die Mütze über die Verlängerung meiner quality time.

Zurück geblieben ist dieses Gefühl, das ich im Valle Bavona gefunden habe: Das Echte, das Wahre, das Pure. Das nackte Leben. Die Frische der Landschaft. Das Gemeinsame der Talbewohner. Die Naturmagie. Die Einfachheit. Ich bin immer wieder zurück gekehrt und habe die Plätze wieder besucht und mit den go-wild-Coachees erlebt.

Und jedes Mal war ich erleichtert, nach dem Eintauchen in dieses Schöne, wenn ich zurück fahren konnte. Durch den Gottardo und wieder in meine Sprache. In die Zuverlässigkeit der Zivilisation und die Annehmlichkeiten der modernen Welt.

Heute morgen ereilte uns die Nachricht, dass die Regenfälle der vergangenen Tage die Achse zwischen dem Maggiatal und dem Bavonatal zerstört hat. Die Brücke, über die ich so oft gefahren bin, ist eingebrochen und jetzt sitzen die Menschen da fest. Auf unbestimmte Zeit. Ohne Strom, ohne Funkverbindung und ohne Trinkwasser (sie wurden dringend angehalten das Wasser nicht zu trinken). Jetzt sind sie angewiesen auf die Armee, die Versorgung aus der Luft. Und auf sich gestellt. Keine Chance einen Arzt oder die Ambulanz zu rufen. Sie werden sich zu helfen wissen, die Menschen dort rücken immer zusammen, wie in der Pandemie gesehen. Aber ich stelle es mir vor: Gefangen im Paradies. Erst mal kein Zurückfahren möglich.

Ich atme ein und tief durch und aus. Wie gut, dass ich jetzt hier sein darf.

Ich denke an das paradiesische Maggiatal und das magisch starke Bavonatal. Den riesigen Wasserfall in Foroglio, an dem wir so oft sassen und dessen beeindruckende Stärke auch bei wenig Wasser gossartig ist. Jetzt überflutet das Wildwasser alles. Ein reissender Fluss, der alles mitnimmt. Die Lieblichkeit, auf den Felsen zu sitzen und zu staunen ist mit einem Mal zum lebensbedrohlichen Szenario geworden.

Das Paradies hat sich gewandelt.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie.

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