Ich habe jahrelang niemanden mehr im Auto mitgenommen und vermutlich hätte ich es auch diesmal gelassen, denn mein Auto war vollbeladen und ich hatte 650km vor mir, in denen ich mein Hörbuch hören oder singen wollte. Und doch – beim Kaffeetanken und Pause machen fiel mir die junge Frau auf. Eine junge, hübsche Französin. Mein Mutterherz sagte mir, ich kann sie nicht da stehen lassen. Und nach Tours sind es nur noch knappe 200 Kilometer. Ich fragte sie, ob sie mit sehr wenig Platz auskäme und den Rucksack zwischen die Beine klemmen könnte, denn mein Auto war schon mehr als voll.
Am Anfang waren die Gespräche nicht ganz einfach. Mein miserables Französisch – und sie schien sich nicht recht zu trauen, englisch zu sprechen. Irgendwann dann bat sie mich, einfach mal zu erzählen woher ich jetzt gerade komme und wohin ich fahre. Ich erzählte ihr von Jersey und meinen Coachings und plötzlich sagte sie, mich hätte wohl der Himmel zu ihr geschickt. In erstaunlich gutem Englisch berichtete sie mir, dass sie gerade aus einer amourösen Fehlentscheidung geflüchtet sei und ich sozusagen ihre Fluchthelferin wäre. Es stellte sich heraus, dass sie ihre „Amour fou“ gerade auf dem Rastplatz zurück gelassen hatte. Wir mussten beide lachen.
Es entspannte sich ein langes und tiefes Gespräch über die Irrungen und Wirrungen der Liebe und was emotionale Abhängigkeit mit uns machen kann. Und ich konnte ihr ein paar gute Impulse geben, wie sie da wieder heraus kommt und was sie daraus lernen kann. Ich fuhr sie dann direkt in die Stadt Tours, obwohl ich eigentlich schnell weiter musste bis zu meinem nächsten Etappenziel. Sie fiel mir um den Hals und sagte: Du musst eine Influencerin sein! Mit diesem Gespräch hast du mich so wichtig beeinflusst und jetzt weiss ich wieder weiter!
Es war eine schöne Begegnung und das Wort „Influencer“ lief mir nach. Vielleicht, weil in der vergangenen Woche diese schöne junge Frau bei mir im Coaching war, die sich aus den Stricken der ungesunden Beeinflussung ihrer Eltern so mühsam heraus winden musste. Ihr ganzes Leben war von deren Denken geprägt. Und gleichzeitig merkte sie schon immer, dass es niemals ihr Weg sein könnte, dem zu folgen, was ihre Eltern ihr vorgeschrieben hatten. Sie wollte ausbrechen – und ist es auch. Wunderbar stark und tief entschieden.
Wir alle beeinflussen uns. Die Welt beeinflusst uns. Wir stehen immer im Dialog mit der Umwelt, unseren nächsten Menschen. Und manches kann gut für uns sein, uns weiterhelfen, uns inspirieren und sogar befreien. Anderes – Haltungen, Meinungen, Konventionen, moralische Zeigefinger und vorgelebte Normen – können uns einengen und uns unserer Möglichkeiten rauben.
Ich habe als kleines Kind schon deutlich gespürt, dass das, was mir vorgelebt und auch vorgegaukelt wurde, unmöglich mein Weg sein könnte. Das Lösen aus diesen Fesseln war unheimlich hart. Und das immer immer wieder Herauswinden aus den neuen Fangseilen und Zwangsjäckchen ist eine Lebensaufgabe, die viel Kraft kostet.
Das Einzige was hilft: Frag dich, ob dein Herz, dein Bauch damit einverstanden ist mit dem, was du gerade entscheidest, denkst, wie du handelst und was du wählst. Ich behaupte: Meistens ist es das nicht. Aber unser Leitfaden, die innere Stimme, die innere Weisheit, die gefühlte Wahrheit ist eben leise und fein, während die suggerierten scheinbaren Wahrheiten lautstark brüllen, je nachdem wie oft wir damit gedanklich geimpft wurden und werden.
Und – ach herrjee – die Beeinflussung durch unsere eigenen gesammelten Glaubensmuster ist auch nicht zu verachten. Ich muss fast schmunzeln – das ist eine andere Geschichte: Als ich in Jersey auf die Fähre fuhr, bat man mich, die Alarmanlage meines Autos zu blockieren. Ich habe keine Ahnung, wo sich dieser geheimnisvolle Knopf befindet. Also lies ich das Auto offen, es waren ja noch hunderte andere Autos da und meinen Beutel mit Pass und Geld und Handy nahm ich mit. Zurück im Auto nach der Überfahrt suchte ich in meinem Rucksack, der auf dem Beifahrersitz geblieben war, nach meinem Euro-Geldbeutel. Und fand ihn nicht. War vollkommen sicher, dass ich ihn in die Aussentasche gesteckt hatte. Los ging die wilde, erfolglose Suche. Ich fuhr von der Fähre und war verstimmt. So ein blödes Ende meiner Reise. So schade. Ich verbrachte 650km mit diesem latenten Ärger. Und hundertmal fluchte ich über Condor und die Frechheit, dass sich da jemand bedient hat… noch am Abend jammerte ich darüber herum. Am nächsten Morgen im Hotel packte ich meine Übernachtungssachen ein. Und fand – zwischen Socken und Tshirt – den Euro-Geldbeutel.Wie war er da hingekommen? Ich freute mich wie verrückt, dass nun doch alles gut gegangen war.
Aber: Warum hatte ich so negativ gedacht? Warum den Mitarbeitern der Fähre so schnell die Schuld hingeschoben? Mich innerlich beschwert, warum ich immer so leichtsinnig war? Mich dafür verurteilt dass ich zu viel Vertrauen in die Menschheit habe? Alles völlig absurde Gedanken, die ich sonst nie denke. Da waren sie wieder, die Beeinflussungen meiner Eltern und vieler Freunde, die gerne sagen: Du musst aufpassen auf deine Sachen und Du darfst niemandem trauen.
Ich entsorge diese Gedanken jetzt gerne wieder und übe mich darin, meine eigene tiefste Wahrheit zu leben: Dass das Leben immer gut zu uns ist. Und wir uns nur von Zeit zu Zeit verwirren lassen.
Denn: Aller Beeinflussung zum Trotz haben wir etwas, das immer wahr ist: Unser eigenes Herz, unsere eigene innere Überzeugung. Die ist frei von Beeinflussung. Und ich wette, sie ist immer authentisch, klar und pur.
Hör auf Dein Herz. Lass Dich nicht verwirren. Auch nicht von dem neuen Berufsbild Influencer. Sei dein eigener Influencer. Du kennst deine Wahrheit, deine Bedürfnisse und deine Überzeugungen, aber hinhören wirst du müssen. Zur Ruhe kommen und reinspüren. Ganz einfach.
Da, wo wir das Leben spüren können, da ist es auch. Cèst la vie.
