Vom Unsinn des Lebens

Kennst Du diese Reisebusse, die irgendwo anhalten, die Menschen steigen zusammen aus und gehen fast in einer homogenen Truppe zu einem Objekt, man nennt das Sehenswürdigkeit, schauen sich um, staunen, weil man jetzt staunen muss. Dann gehen sie zurück zum Bus „ah“ und „oh“ und Fotos auf dem Handy, die niemand sehen will. Genauso gut könnte man sich das Ganze auch im Web anschauen.

Eine solche Szene habe ich letzte Woche wieder einmal gesehen. Und gleichzeitig geschmunzelt und mich geärgert. Denn: Es war auf den wunderschönen hohen Klippen in Grosnez auf Jersey. Da steht eine alte Ruine, ein allerletzter Torbogen. Und dabei eine Schautafel, an der alles schön erklärt wird. Tritt man also aus dem Bus und läuft auf die rechte Seite zu der Burgmauer und läuft dazu zwei Minuten herum, dann meint man, alles gesehen zu haben.

Folgt man aber einem schmalen steilen Weg nach links – kommt man mit zu den schönsten und wildesten und herrlichsten Aussichten über die Steilklippen, in den gewaltigen dunkelblauen Atlantik. In den Wind, der da immer bläst – und in eine fantastische Naturenergie. Das verpassen die Herdentiere, die alle nur in die Ruine gehen. Sie folgen dem Weg nach links nicht einmal, sie wissen ja nicht „ob es sich lohnt“.

Ein bisschen so ist es mit unserem Leben. Ich behaupte mal, die allermeisten Menschen folgen dem Mainstream. Einem gefährlichen Strom, der sagt, was man wie wann und wo tut. Alle haben seit einigen Jahren die kleinen Bildschirme vor den Augen statt die reale Welt. Sie lenken sich ab. Sie sind hypnotisiert und manipulierbar. Das Benutzen unserer Sinne ist abgestumpft oder sogar ganz vergessen worden.

Was ist denn nun sehenswürdig?

Und – wenn es ausserhalb des Mainstream liegt?

Machst Du dann den beschwerlichen Umweg und schaust herum was für dich sehens- würdig wäre?

Wenn ich, auch hier auf Jersey, in die Stadt gehe – dann sehe ich das, was ich den Un-sinn des Lebens nenne. Warum machen Leute dies oder das? Warum essen Menschen dies oder das? Worüber sprechen sie? Was sehen sie sich an? Vor allem aber: Sind sie berührt – oder abgelenkt?

Macht das Sinn, was sie tun?

Leben sie ein Leben, das Ihrem Sinn entspricht?

Und, wann ist denn ein Leben sinn-voll?

Wer folgt denn dem eigenen und vielleicht auch einem kollektiven Lebens-Sinn?

Ich frage mich immer, bei jedem Mensch, ob er seinem Sinn folgt. Die grossen Warum-Fragen haben mich schon als Kind angesprochen. Warum machst Du dies oder das? Warum sollte man dies oder das? Warum willst Du dies oder das? Warum verhältst Du Dich so? Was wird aus dem, was du tust? Warum meinst du dies oder das über dies oder das?

Ehrlich gesagt, ich ging, ich gehe den Menschen auf den Geist mit diesen Warum-Fragen. Weil es eben für viele bequemer ist, sich nicht das Warum zu fragen. Sondern einfach schön: Aus dem Bus (Analogie des Lebenslaufs) auszusteigen, auf die Sehenswürdigkeiten zu schauen. Dokumentieren dass man dort war. Wieder in den Bus einsteigen.

Warum in den Bus einsteigen?

Warum nicht laufen, springen, tanzen, fliegen?

Warum nicht neue Trampelpfade machen?

Warum nicht eigene Eigenartigkeiten erfinden?

Warum nicht mal eine Pause einlegen, still werden, sich selbst wieder finden?

Warum nicht rein spüren, was jetzt gerade Sinn macht?

Gestern war ich an einem sehr magischen Ort, dem Whiterock. Ich legte mich in eine Mulde, um mich vor dem Wind zu schützen und hörte schöne Musik, während mein Blick an Orte schweifte, an dem in den letzten Jahren die Coachees in die Freiheit starteten. Plötzlich kam eine Horde Menschen, setze sich auf den Rock und begann ein wortreiches und lautes Palaver. Ich floh. Um festzustellen, dass sich oben neue Grüppchen platziert hatten, mit Einweggrills, die sich in den englischen Rasen brannten. Der Lärm der Welt hatte mich eingeholt. Leider auch der Unsinn. Die Beatboxen. Die immer gleichen Balz-Rituale der Zweibeiner. Die Lautstärke und das Gequatsche der Abgelenkten. Ein Chor. Ein Kindergarten. Eine daily soap.

Wieviel Unsinn verträgt die Welt?

Wieviel Unsinn verträgst Du?


Und – was macht für dich wirklich wirklich Sinn?

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch. C’est la vie!

Im Walde zwei Wege boten sich mir dar und ich ging den, der weniger betreten war – und das veränderte mein Leben.

Walt Whitman (US-amerikanischer Dichter)

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