Gehorchen

Der grosse C.G.Jung hat einmal gesagt: Wenn Du einmal das Sehnen Deines Herzens empfangen hast, weisst was es will, dann geht es nicht anders: Dann musst du ihm gehorchen. Also: Dem Herzen folgen.

Über das Gehorchen habe ich schon oft nachgedacht. Als Kind sagte man mir nicht nur zuhause, sondern auch in der Schule, dass ich gehorchen muss. Gerne fragte ich dann nach den Gründen und Motivationen, warum man der einen oder anderen Regel gehorchen sollte. Ich wollte unbedingt das „Warum“ wissen. Wenn das Warum für mich stimmig war, dann tat ich es. In den allermeisten Fällen aber war es das nicht. Es waren Normen, die mich anpassen sollten, oftmals mit Moral durchwirkt, meistens als Leitfäden für eine Gesellschaft, zu der ich ohnehin nicht gehören wollte. Ich hatte ganz und gar nicht den Eindruck, dass die Erwachsenen irgend etwas richtig machten, dass es sich lohnen könnte, die Dinge so zu machen, dass sich die Dinge wiederholen, die mir unlogisch und falsch erschienen.

Ich erinnere mich, dass es mir einmal langweilig war im Religionsunterricht und ich begann mit den Fingern zu spielen. Ich war stolz, dass ich meine Finger so biegen konnte, dass sie weitestgehend übereinander lagen. Also zeigte ich es meinem Sitznachbar. Der Religionslehrer war ausser sich, hatte er doch interpretiert, dass ich sein Geschwätz einer Lüge bezichtigte. Er stürzte auf mich zu, riss mich an meinem Pferdeschwanz hoch und schleifte mich, mit dem Griff fest um meine Haare, aus dem Klassenzimmer. Ich landete vor der Tür und er schrie mich an ich solle gefälligst darüber nachdenken was mir da einfiele. Ich war vielleicht 8 Jahre alt, der Lehrer hiess Herr Pieh, ich erinnere mich sehr gut. Ich sass völlig unwissend vor der Tür. Und da muss etwas passiert sein: Ich beschloss, keiner einzigen Regel mehr zu gehorchen, die mir unsinnig erschien. Wie um die Sache klar zu machen, bekam ich sofort eine Belohnung. Der Hausmeister kam vorbei mit kleinen warmen Milch- und Kakaotüten. Er gab mir, mich bedauernd, eine und legte einen Finger an die Lippen. Der Kakao schmeckte süss und tröstend warm. Ich wusste: Das lohnt sich, was ich gerade beschlossen habe.

Ich habe nie mehr gehorcht. Es gab fortan nur noch das: Ich denke nach, ob es sich lohnt dieser Spur zu folgen. Wenn ja, dann tue ich es freiwillig. Wenn nein, dann lasse ich es. Mogle mich raus. Tue so als ob. Lasse mich nicht erwischen. Folge meiner eigenen Überzeugung.

Wie herrlich, ein Leben in Autonomie. Aber auch: Anstrengend. Überaus anstrengend. Denn blind und taub mitzuschwimmen und alles mitzuspielen was verlangt wird, das war verführerisch einfach und wurde belohnt mit Anerkennung und Vorteilen. Den eigenen Regeln zu folgen, das hiess, ein rebellisches Herz jederzeit stärken, beweisen und verteidigen zu müssen. Und immer immer im anstrengendem Gegenstrom zu schwimmen.

Hat es sich gelohnt? Inzwischen sind mehr als 50 Jahre vergangen. Schaue ich zurück, dann freue ich mich unbändig, dass ich mir und meinem Herzen gefolgt bin. Es hat sehr viele Kapriolen geschlagen, es ist getanzt, geflogen, abgestürzt, wurde zertrümmert und vergoldet, hat ohrenbetäubend geschlagen in Euphorie und hat geblutet im Liebeskummer. Aber wenn ich es betrachte, dann lacht es. Es hat sich nicht, niemals, gebeugt. Ich danke mir selbst für diese Bilanz. Und ein bisschen bewundere ich mein Herz für seine Stärke. Nicht nur physisch.

Inzwischen kann ich nicht mehr anders. Und mehr noch: Ich habe einen Beruf daraus gemacht, eine Berufung. Vor kurzem durfte ich diese Berufung benennen. Es nennt sich:

Ermutigerin

Ich musste ein bisschen schmunzeln, als mir eine tolle Frau sagte, darin verbirgt sich das Wort „Tigerin“. So fühlt es sich auch an.

Folgst Du Deinem Herz?

Was tut es mit Dir?

Wo will es hin?

Was will es von Dir an Handlung, Wahrheit, Frechheit, Stärke, Eigen-sinn?

Obwohl unser Herz doch Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens darstellt, hören wir oft nicht auf seinen Gesang. Wenn Dein Herz eines Tages aufhört zu schlagen, dann endet Deine gesamte Welt. Bist Du Dir dessen bewusst?

Weisst Du, dass Dein Herz die einzige Institution ist, die über Dein Leben bestimmt? Dass alles schlau-schlau reden und das Dröhnen Deines Egos nichts wert ist, wenn es um Deine Herzensmelodie geht? Von was erzählt Dein Herz? Wo will es Dich hinführen?

Schön, wenn Du Dir dafür einen Moment Zeit nimmst und es fragst. Ihm zuhörst. Wetten, dass Du überrascht sein wirst über die Antwort?

Das Wilde. Es ist nicht das Gegenteil von kultiviert. Es ist das Gegenteil von gefesselt.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la vie.

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