Pioniere

Steckt in Dir noch der kindliche Eroberungsdrang? Die Neugier? Die Lust und die Frechheit und der absolute Wille, Dich zu entfalten? Wieviel von dem Sturm und dem Drang spürst Du noch, etwas zu erreichen und die (scheinbaren, antrainierten) Grenzen zu sprengen?

Gestern habe ich auf einer längeren Autofahrt ein Interview mit dem wunderbaren Bertrand Piccard gehört. Ein Umweltpioneer. Ein Abenteurer. Aber auch: Ein excellenter Psychiater. Mehr als Rekorde und Abenteuer fesseln ihn beim Fliegen das Studium des menschlichen Verhaltens und die Beobachtung der verschiedenen Bewusstseinsebenen in Extremsituationen. Und so kam er auch zu seinem allerersten Abenteuer: Als er zu spät auf einen Kongress kam, gab es nur noch einen einzigen freien Platz. Durch Zufall – wie es eben so zufiel – war sein Sitznachbar ein Mann, der als Ballonflieger um die Welt fahren wollte. Er erzählte Bertrand, dass er noch einen Partner sucht. Und dieser bot ihm an, als psychologische Stütze mitzufahren, um ihm mit Hilfe von Hypnose (sein bevorzugtes Therapieangebot) zu helfen, die Dinge mental zu schaffen und auch schlafen und ruhen zu können. Der Deal war gemacht, Bertrand Piccard war an Bord – und seitdem folgt Bertrand seinen Ahnen – er erobert die Welt. Die Luft, der Himmel, hat es ihm besonders angetan.

Im Interview erzählt Bertrand auch, dass er als Kind sehr stark durch die beiden grossen Eroberer, seinen Vater und Grossvater, inspiriert wurde. Schon als 11 Jähriger durfte er in den USA die Starts der Apollo Raketen erleben. Seinen Vater bei U-Boot-Fahrten in den Marianengraben beobachten.

Ja, so sagt er, sein Abenteuerdrang wurde sicher durch seine Vorfahren und seine faszinierende Kindheit begünstigt.

Er sagt aber auch: Jeder Mensch könne diese Kraft entwickeln, Grosses zu leisten, den eigenen Bezugsrahmen zu sprengen, sich selbst bis zum Limit entfalten. Glücklichsein hängt nicht davon ab, dass jedem alles gelingt. Glücklichsein heisst: Sich selbst erkunden und entdecken und sich dann zur besten Version für sich selbst zu entwickeln.

Ent – wickeln

ein schönes Wort. Sich also aus etwas heraus wickeln. Vielleicht aus den eigenen Einschränkungen aus Angst und Zweifel? Vielleicht aus selbst auferlegten Pflichten und Perfektionswahn? Vielleicht aus limitierenden Ideen, wie etwas zu sein hat? Vielleicht aus der Angst nicht zu genügen? Vielleicht aus der Unsicherheit, wie man mit etwas Neuem umgehen soll? Vielleicht aus der vermeintlichen Komfortzone?

Leider sehe ich immer wieder Menschen, die sich in ein eigenes bequem gepolstertes Gefängnis aus Verpflichtungen, Gewohnheiten, Kompensationshandlungen, Beruhigungsmitteln aller Art, Beziehungen und To-Do’s begeben haben und ihr Leben nur noch verwalten statt zu geniessen. Das macht mich sehr traurig und während den vielen vielen Jahren in meinem Job als Coach bin ich wohl vor allem einer Mission nach gegangen: Den Mensch zum AUSBRECHEN zu bewegen und zu ermutigen.

Ich sehe heute deutlicher als früher, dass die Zeit läuft. Und viele, auch bisweilen ich selbst, immer noch an der selben Stelle stehen und blind und abgestumpft gehorchen, weil es leichter ist, sich anzupassen, mitzuspielen, sich zu fügen und zu funktionieren. Leider, leider – sind viele dabei zutiefst unglücklich. Weil eben so viel mehr möglich gewesen wäre. Weil eben so viele andere Wege noch offenstehen würde. Weil es eben auch noch Leben 2.0, 3.0, 4.0 geben könnte – wenn man sich eben trauen würde. VERTRAUEN würde.

Es geht nicht darum, völlig egoistisch nur den eigenen Impulsen zu folgen und sich nicht mehr um Dinge zu kümmern, die wir zu verantworten haben. Auch nicht darum, autonom und ohne gesellschaftliche Anpassung zu leben. Aber es geht darum, sich zu fragen: Zu was wäre ich in der Lage? Was könnte ich in meinem Leben erreichen? Was könnte ich ganz persönlich tun, um meinen Herzschlag zu spüren, meine Freiheit auszuweiten, mich aufs Leben vollständig einzulassen?

Es geht schliesslich im Leben nicht nur darum, etwas zu beobachten und zu beurteilen und sich irgendwie durchzukämpfen und einen Lebensstandart zu erreichen, der vermeintlich erstrebenswert ist. Glück, so sagt auch Bertrand Piccard, ist nicht, möglichst reich und erfolgreich zu werden – sondern sich selbst gut kennengelernt zu haben und sich selbst das gewagt zu haben, wonach wir uns sehnen.

Wonach sehnst Du Dich?

Spürst Du (noch, wieder, jetzt gerade) Deinen Herzschlag?

Als ich nach zwei Stunden Autofahrt das Interview zu Ende gehört hatte, hörte ich mein Lieblingslied in Endlosschlaufe „Überdosis Glück“ von Rosenstolz. Ich sang laut mit. Auf einer gerade Strecke einer Landstrasse gab ich – vollkommen verboten und absolut unvernünftig – richtig Gas. Ich spürte wie mein Motor die Kraft übertrug, mich in den Sitz presste und mein Auto losschoss. Die Kraft der Beschleunigung und der Reiz des Verbotenen liess mein Herz laut und stürmisch schlagen. Was für ein herrlicher Rausch.

Ich will mehr davon. Ich glaube, ich mache eine Liste von Unmöglichkeiten, die ich dieses Jahr alle realisieren will.

Und Du?

Da, wo Du das Leben spürst, da ist es auch. C’est la Vie.

Pioniere sind bahnbrechende Menschen, die erst in sich selbst alle Grenzen sprengen und dann in der Welt.

(Bertrand Piccard)

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