Perlen

In der vergangenen Woche hatte ich gleich mehrere wundersame Begegnungen.
Astrid Lindgren ist mir begegnet. In einer Dokumentation über ihr nicht ganz einfaches Leben. Am Ende des Films singt ein Kinderchor für sie: Du musst springen. Durch den Tod ins Leben. Durch die Dunkelheit ins Licht. Pass auf, dass Du wirklich lebst. Astrid Lindgren wurde die Geschichten Erzählerin für Kinderherzen. Auch für meins. Wenn es etwas gab, das mir als Kind Mut gegeben hat, dann war es die Geschichte von Pipi Langstrumpf.

Und dann bin ich einem schönen Menschen wieder begegnet, der vor einigen Jahren in meinem Coaching war. Er hat seinen Vater verloren. Es war keine einfache Beziehung zwischen den beiden aber mein Coachee war immer loyal und auf die Familie bezogen. Er hatte das Privileg, den letzten Tag mit seinem Vater zu haben. Aus seinen Erzählungen hörte ich viel Dankbarkeit und Respekt. Auch wenn der Vater kein einfacher Mensch war – mein Coachee hält noch immer die Familie zusammen und sorgt sich auch um seine eigene mentale Gesundheit. Ich sah einen aufrechten Mann, einen, der verzeihen konnte. Einen, der sich selbst nicht zu wichtig nimmt und seiner eigenen Herzenswahrheit folgt.

Und dann sprach ich noch mit einer lieben Freundin, die zur Opernsängerin ausgebildet wurde. Sie singt eine seltene Stimme, den lyrischen Sopran. In einem schönen und tiefen Gespräch erzählte mir sie von frühkindlichen Ereignissen, die in ihr viel Schmerz und Trauer hinterlassen haben. Auf meinen Einwand hin, das habe sie mir nie erzählt, das hätten wir doch gemeinsam heilen können, sagte sie: Ich brauche diesen Schmerz für meine Stimme. Nur so ist sie beseelt.

Schöne, tiefe Begegnungen in einer einzigen Woche, in der ich glaubte, dass nichts Bedeutendes passiert wäre. Und doch war es etwas Wertvolles, einige Perlen sind mir wieder in den Schoss gefallen.

Kennst Du die Geschichte der Entstehung einer Perle?

Am Anfang dringt ein Sandkorn in die Muschelschale. Es reibt an dem feinen Muschelfleisch. Die Muschel will sich vor dem Schmerz schützen und beginnt, ein Sekret aus ihrer Schale (das Perlmutt) um das Sandkorn zu schlingen, damit es nicht mehr schmerzt. Hunderte, tausende Lagen an Perlmutt werden um das Korn gelegt, bis es eine feine, glatte Oberfläche bekommt und schliesslich zu einem wunderschönen Juwel wird.

Aus Schmerzen werden also – im besten Fall – wunderschöne, glänzende und wertvolle Edelsteine.

Auch deshalb kann man Perlen erst in einem höheren Alter tragen: Weil man schon Schmerz überlebt hat. Weil man ihn betrachtet, ausgehalten, mühsam umschlungen (umarmt) hat und etwas daraus transformiert hat.

Eine ganze Reihe an Schicksalen fallen mir zu dieser Geschichte ein. In loser Folge erinnere ich mich an die Gesichter meiner Coachees, deren Schmerzen ich betrachten und beim Entwickeln eines Juwels helfen durfte. Immer mehr Bilder kommen in meinen Kopf. Momentaufnahmen. Wie ein Film mit vielen Gesichtern. Auch meine Geschichte. Auch die meiner Liebsten. Meiner Freunde und Familie. Und am Ende sehe ich nur eins: Schönheit.


Schönheit, die wachsen konnte. Das bedeutet wirklich zu leben:

Das Schmerzhafte zu wandeln. Das Leben zu umarmen. Die Perlen – sichtbar oder unsichtbar zu tragen.

Da, wo Du das Leben spüren kannst, da ist es auch: C’est la Vie.

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