Das Leben lieben

Anlehnend an meinen Blog von letzter Woche schreibe ich jetzt ein paar neue Texte zum Thema: Liebe. Bei mir geht es meistens um die Liebe zum Leben, für die Zweisamkeit gibt es andere Spezialisten…

Den Augenblick leben, in die Liebe zum Leben kommen, wie geht das denn nun?

Es gibt eine sehr alte Lehre, die das hervorragend erklärt…

Sie nennt sich Tan-tra und kommt aus dem sanskrit Wort tan, das Weite, Ausdehnung und Ganzheit bedeutet. Es hat mit den sexuellen Praktiken, die man in den westlichen Schulen findet, nur wenig zu tun. Es ist vielmehr ein Jahrtausend alter Weg der Rückkehr zu unserem ursprünglichen Wesen, das die Vollkommenheit in sich trägt.

Die tantrische Lehre beruht auf der Idee, dass dem inneren Kern nichts hinzugefügt oder genommen werden kann. Die Suche nach diesem vollkommenen Kern führt uns nicht in die Abgeschiedenheit, sondern mitten ins Leben, in dem wir in die Realität eintauchen und mit der Welt der Materie, die uns umgibt, kommunizieren. Der Tantriker findet Erfüllung, indem er mit all seinen Sinnen das Leben umarmt und durchdringt.

Wie also kommen wir dahin zurück, das Leben, uns selbst und unsere Umgebung wirklich wirklich wirklich zu spüren?

Die tantrische Lehre ist eine einfache Lehre, in der der Mensch die tägliche Realität als Praxisfeld wählt, ohne auf irgend etwas zu verzichten und indem er die Welt vollständig umarmt.

Auf diesem Yoga Weg geht es also darum, in tiefen Kontakt mit seinen Gedanken, seinen Emotionen und seinen körperlichen Empfindungen zu treten. Dem Körper wird dabei ein wunderbarer Platz eingeräumt. Er wird überhaupt nicht abgelehnt oder eingeengt oder unter Kontrolle gebracht. Nie. Im Gegenteil, er ist ein fabelhaftes Instrument, aus einem einfachen Grund, nämlich weil er die natürliche Fähigkeit besitzt, Eins zu werden, mit allem was ihm begegnet – mit grosser Anmut und Spontanität.

Für unseren Körper ist das die normale und natürliche Reaktionsweise!

Dies geht ausschliesslich durch die Sinneswahrnehmungen.

Derjenige, der den tantrischen Weg geht, ermöglicht all seinen Sinnesorganen, in andauerndem Fühlen bzw. innerer Vibration (spanda) zu sein.

Du kannst es jetzt sofort ausprobieren: Spür mal, während du das hier liest und ohne sie zu bewegen oder etwas anzufassen – Deine Hand: Die Vibration, das Rauschen des Blutes, den Puls, den eigenen Rhythmus und die Energie, Wärme und Beschaffenheit der Haut. Spürst Du wie Du sofort etwas fühlst statt zu denken?

Tantra lehrt uns, in das Leben hinein zu tauchen und die einfachen Freuden des Alltags zu geniessen. Zum Beispiel: Werde Dir beim Aufwachen am Morgen Deiner Haut bewusst, dusche mit Wohlgefühl in dem Du spürst wie das Wasser an Deinem Körper hinunter läuft. Um zu einer tieferen Präsenz zu gelangen ist es unerlässlich, dass unser Körper – wie ein Instrument – auch immer wieder gestimmt wird um seine eigene Melodie zu entfalten. Und hier kommen die Sinneswahrnehmungen ins Spiel. Die erste Etappe ist also, all diese Funktionen wieder herzustellen, unseren Geschmack am Leben wieder zu entdecken, sich dem Leben vollkommen hin zu geben.

Die Lust, im Leben vollkommen präsent zu sein macht für Dich aus der banalsten Sache die wunderbarste, wie das Trinken einer Tasse Tee, der Duft des Toasts am Morgen, ein Fenster, das sich zum Himmel öffnet, ein Lichtstrahl auf der Bettdecke.

Tantra ist einfach und gleichzeitig schwierig, denn es fordert einen komplett anderen Umgang mit dem Alltäglichen.

Wir können also beginnen mit wenigen Sekunden am Tag: der erste Schluck Kaffee am Morgen. Die ersten Sekunden einer Dusche. Du kannst es sogar geniessen auf die Toilette zu gehen und Deine angestauten Körpersäfte langsam aus Dir heraus fliessen zu lassen!

Der erste Atemzug wenn wir aus dem Haus gehen und die Umgebung riechen, den Himmel betrachten, das Wetter wahrnehmen, unsere Schritte spüren, den Kontakt mit dem Boden.

Wenn wir dann einige Sekunden in der totalen Präsenz sind, seien es auch nur wenige Sekunden am Tag, wird sie sich mit jedem Augenblick ausdehnen und unser Leben wird sich verwandeln. Unsere Begierde wird uns mehr solche Momente ermöglichen. Unsere Begierde, die Gier nach dem Leben, wird uns dazu antreiben diese Präsenz wieder und wieder herzustellen.

Magst Du Dich auf dieses Experiment einlassen?

Dann wird das ein aufregender – herrlicher – sinnlicher Winter! Das Leben ist hier! Und es ist wunderbar! Spürst Du es?

Willkommen in der Adlerperspektive!

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