Geheimnisse

Wer wir auch sind und wo wir auch leben,

tief im Inneren fühlen wir uns alle unvollkommen.

Als hätten wir etwas verloren und müssten es wiederfinden.

Aber was das ist, ergründen die meisten von uns nicht.

Und nur eine Minderheit von denen, die es ergründen,

macht sich auf den Weg und sucht danach.

(Elif Shafak: Die vierzig Geheimnisse der Liebe)

Suchst Du?

Nach was suchst Du?

In der vergangenen Woche hatte ich Kontakt mit zwei Aussteigenden. Beide haben sich auf einen Weg ohne doppelten Boden, ohne Sicherheit, gemacht. Die eine war lange in der sicheren Anstellung einer Behörde, die andere hat schon vor vielen Jahren jede „Normalität“ abgelegt. Sie sind losgefahren mit einem One-way-Ticket. Nicht, dass sie nicht nach Hause zurück kehren wollen, sie lassen sich einfach die Option offen, ob das Leben sie vielleicht irgendwohin leitet, wo sie richtig sind.

Bewundernswert! Mutig!

Aber warum gibt es diese Suche nach den Puzzlestücken in unserem Leben? Warum sind wir immer ein bisschen auf Erkundungstour was und wer zu uns passt, was uns kompletter machen würde? Woher kommt diese Sehnsucht?

Unvollkommenheit ist das Gegenteil von Vollkommenheit. Und interessanterweise streben wir alle danach vollkommen zu werden. Wir nennen es dann Selbstverwirklichung oder Erfüllung oder das Ausschöpfen aller Potentiale. Ein Streben, dem wir partiell tatsächlich fast alle folgen.

Wenn der Mensch ins Leben tritt, ist sein Geist „substantielle Seinsempfänglichkeit“, blosses Seinkönnen, reine Möglichkeit, noch nicht qualitativ und quantitativ bestimmt.

Mit seiner schöpferischen Kraft gestaltet der Mensch in sich ein Modell der Wirklichkeit. Wir bauen sozusagen einen Avatar nach dem, was uns begegnet: Erfahrungen, Lernerfolge, Talente, Wegweiser, Zufälle, Projektionen, Inspirationen die uns in die eine oder andere Richtung leiten… unser selbst erschaffenes Wesen entwickelt sich aufgrund unserer Entscheidungen.

Die Individualpsychologie nennt dieses mit Irrtümern behaftete Modell „Lebensstil“. Mit der Bildung des Lebensstils beginnt der Mensch in einem Spannungsfeld zu leben: Einerseits gaukelt ihm seine „private Logik“ eine scheinbare Realität vor, andererseits spürt er in sich den naturhaften Drang zur Vollkommenheit. Er erlebt seine Situation als Minderwertigkeitsgefühl, der er durch Überlegenheitsstreben zu entkommen versucht. So kämpfen wir also mit uns und mit den anderen um weiter zu kommen, in Wirklichkeit aber bewegen wir uns nicht von der Stelle.

Wie kommen wir denn jetzt da hin wohin wir wollen und müssen?

Ganz und gar nicht und weit entfernt von – der Logik.

Unser Image (der Avatar) das wir 24/7 füttern und pflegen und immer besser zusammen bauen, reicht uns am Ende des Tages eben dann doch nicht. Weil unser Herz keine Ruhe gibt. Es ruft und ruft, sehnt sich, zieht und schiebt uns und versucht durch die laute Stimme unserer Vernunft, unserer Kreation oder auch unseres Egos durchzudringen. In der Regel, leider, ist die Stimme des Herzens zu leise und zu sanft. Oder das Ego schon zu aufgeblasen 😉

Die wichtigste Frage ist immer:

Wo ist Deine Sehnsucht? Was will sie von Dir?

Je älter wir werden, desto mehr bekommt unsere scheinbare „Realität“ Risse, desto mehr haben wir das Gefühl, die Zeit liefe uns davon, weil wir doch alle (noch) etwas anderes brauchen, suchen, wollen.

Wie schön: Die eine Aussteigerin schrieb mir: Ich musste es tun.

Wie herrlich, ein Mensch, der auf sein Herz hört. Und es jubelt laut und spürbar.

Gehe doch diese Woche einmal diesem Gefühl nach: Was ersehne ich? Was zieht mich? Wohin will meine Sehnsucht mit mir?

Ob Du es Dir erfüllst?

Willkommen in der Adlerperspektive.

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