Wo warst Du vor 22 Jahren? Warst Du erschüttert? Hattest Du Angst, das sei der Beginn von etwas sehr Grossem?
Ich weiss noch, dass ich diesen Tag total normal, sogar vergnügt, verbrachte. Meine Söhne waren noch klein, wir waren mit spielen und dem Leben in der Natur beschäftigt. Auf der Fahrt nach Hause rief mich mein Herzensbruder an. Er sagte, er wolle mir in diesem Moment unbedingt mitteilen, wie wichtig ich für ihn bin. Die Ereignisse wären vielleicht massiv. Und dass, wenn jetzt alles den Bach runter geht, er wenigstens mir sagen müsse, dass unsere Verbindung sehr eng und wesentlich für ihn sei. Ich weiss noch, ich war verwirrt, mitten am Tag eine solche Gefühlslawine von ihm zu bekommen. Dann sagte er: Schalt mal den Fernseher an.
Wir hatten den Fernseher dann nicht lange an. Das wollten wir unseren Kindern nicht zumuten. Ich wollte nicht, dass ihnen ihre unschuldige und sorgenfreie Kindheit verloren geht. Aber wir Eltern waren beide geschockt. Es traf uns ins Mark, dass vielleicht jetzt ein weltweiter und globaler Wendepunkt sein könnte, der auch unser Leben in den Grundfesten erschüttern würde.
In der Psychologie sprechen wir in einem solchen Fall über ein „Trauma“.
Traumatisierende Ereignisse umfassen Situationen von aussergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmass, die in einer ersten Reaktion bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung auslösen würden. Dazu zählen beispielsweise Naturkatastrophen, Unfälle und schwere Erkrankungen, schwere körperliche oder seelische Schmerzen, Vergewaltigung und Missbrauch, Kriege, Flucht und Vertreibung, Vernachlässigung oder auch das Miterleben von Bedrohung, Verletzung, Gewalt oder Tod von anderen (besonders nahestehenden) Personen. Dabei erleben Betroffene oft ein Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlustes sowie grosse Angst. All das kann in weiterer Folge zu starken psychischen und/oder körperlichen Schmerzen führen. Was ein Mensch als traumatisierend erlebt, ist auch von der subjektiven Wahrnehmung abhängig, z.B. können bestimmte Ereignisse bei Kindern eher ein Gefühl des Ausgeliefertseins auslösen und als traumatisch erlebt werden, aber es kann ganz anders bei Erwachsenen wahrgenommen und verarbeitet werden.
Ein Trauma entsteht ganz oft auch, obwohl wir uns dessen in der Situation oder unmittelbar danach, nicht darüber bewusst sind. Vor einigen Jahren hatte ich eine schöne junge Frau im Coaching, die von ihrer Grossmutter in einen Strudel derer unbearbeiteten Holocaust-Traumata hineingezogen wurde. Weil die Grossmutter jeden Tag davon sprach und dabei immer eine emotional schwer auszuhaltende Stimmung erzeugte, fühlte meine Coachee sich in den ersten 7 Lebensjahren dem Erleben (durch ständige Repetition) solidarisch mit ausgeliefert. Erst drei Jahrzehnte später kamen wir dieser frühkindlichen, traumatischen Prägung auf die Schliche. Und auch das nur durch Zufall. Es war die berühmte Nadel, die wir im Heuhaufen fanden.
Forscher gehen davon aus, dass zwischen 60 % und 90 % aller Menschen in ihrem Leben mindestens eine unerträgliche Situation überstehen müssen, in der sie körperlich oder seelisch dem Tode nahe oder in (gefühlt) absolut existenzieller Not sind. Während rund zwei Drittel das Ereignis ohne langfristige Schäden überstehen, spürt etwa ein Drittel auch Monate oder Jahre danach psychische Folgeerscheinungen. Diese werden von Betroffenen zunächst aber gar nicht mit dem Ereignis direkt in Verbindung gebracht. Da tickt eine psychologische Zeitbombe.
Auch gestern hatte ich wieder Kontakt mit einer Coachee, die ein Flüchtlingstrauma erleben musste. Sie ist sich dessen bewusst. Aber sie kann es nicht alleine ablegen.
Vorrangig sollte nach einem traumatischen Ereignis die grösstmögliche Sicherheit wiederhergestellt werden. Vertraute Personen können dabei unterstützen, mit der erlebten Extremsituation umzugehen. Ihnen vom Erlebten zu erzählen, wirkt erleichternd und kann die Bewältigung fördern.
„Sharing is caring“
Sagen meine englischen Freunde. Und von daher danke ich Ralf von der Tiefe meines Herzens immer noch für das Gespräch von damals. Er war oft bei den Traumen in meinem Leben intuitiv für mich da. Und andere Erschütterungen wurde auch begleitet von Lebensbegleitern, engen Freunden, Partnern.
Und nun zu Dir:
Was hat Dich erschüttert?
Spürst Du die Erschütterung?
Schüttelt es Dich manchmal so richtig heftig durch?
Was tust Du damit?
Wer ist für Dich da? Für wen bist Du da?
Wir müssen zusammen rücken. Nicht nur, wenn die Welt aus den Fugen gerät.
Kommt, meine Freunde
noch ist es nicht zu spät
eine neue Welt zu suchen –
denn ich will weitersegeln
über den Sonnenuntergang hinaus
und obwohl wir nicht mehr die Kraft besitzen
die in den alten Tagen
Himmel und Erde bewegten
sind wir dennoch, was wir sind
Noch immer sind wir Helden
deren Herzen im Gleichklang schlagen
zwar schwächt das Schicksal
uns von Zeit zu Zeit
doch stark ist unser Wille
zu streben
zu suchen, zu finden
und nicht zu verzagen
(Walt Whitman)
Heute ist die Tragödie von 9-11 bereits 22 Jahre her. Inzwischen ist sehr viel passiert, in unser aller Leben. Ich lade Dich ein, diese Woche an die Menschen zu denken, die Dich stützen. Und denen Stütze zu sein, die Dich brauchen. Darum geht es.
Willkommen in der Adlerperspektive.
